Im Alter erinnerte sie sich noch genau an ihre Kinderjahre, so an jenen Tag, an dem der Vater, ein Major a. D., stutzig wurde und seiner eben fünfjährigen Tochter auf die Spur kam: Meistens habe er nur oberflächlich nach den Schularbeiten der Kinder gefragt: >Bravsein!< war alles, was er mir sagte, wenn er auf seine Frage >Sind sie fleißig?< die Antwort bekam: >Fritzi sehr, und sie wird es auch werden.<

Einmal aber machte etwas, das er oft überhört hatte, ganz plötzlich Eindruck auf ihn. > Werden? Oho, erst werden?< wiederholte er das letzte Wort, das Mama gesprochen hatte, wandte den Kopf und sah mich an. > Kann sie vielleicht noch nicht lesen? Hat im Frühjahr angefangen, lernt schon den ganzen Sommer und kann noch nicht lesen?< setzte Papa sein Verhör fort, und ein Strafgericht drohte in seiner Stimme.

Und sie wurde zum Vater bestellt, aber allein! Seine Wohnung lag in einem anderen Flügel des weiträumigen Schlosses, und schon der lange Gang dorthin ängstigte sie.

Ein ermutigender Empfang wurde mir diesmal nicht zu teil. Papa reichte mir zwar die Hand zum Kusse, ließ aber vom Moment meines Eintretens an fortwährend seinen Blick forschend und streng auf mir ruhen und fragte endlich: >Was ist dir denn? Was machst du für ein Gesicht? Mir scheint, du fürchtest dich. Du hast ein schlechtes Gewissen. Wer kein schlechtes Gewissen hat, fürchtet sich nicht.<

Nun war das Unglück fertig. Nun mußte ich ja überzeugt sein, daß ich ein ganz elendes Gewissen hatte, denn wahrhaftig, ich zitterte vor Angst. Ach, es war danach! Alles war danach. Was lag auf dem großen schwarzen Schreibtisch, auf dem Platz, den sonst die Wirtschaftsbücher einnahmen? Eine Fleißarbeit Papas.

Bewunderungswürdig im Grunde. Viereckige Blättchen von gleicher Größe aus Kartenpapier. Man sah ihnen die Sorgfalt und militärische Pünktlichkeit an, mit der sie zugeschnitten und reihenweise in gleichen Abständen voneinander geordnet waren. Jedes einzelne von ihnen trug ein dick und deutlich ausgeführtes Zeichen. Ein gut bekanntes und gut gehaßtes Zeichen - einen Buchstaben.

>Was ist das?< fragte Papa und wies, nicht ohne Wohlgefallen, auf das kleine papierne Pikett vor ihm. Ich meinte, es seien Buchstaben. > Ja, ja, Buchstaben, natürlich. Aber das Ganze da, das Ganze!<