Die Zeit der Lichterketten ist vorbei. Auch in Österreich. Dort gibt es zwar keine neue Bundeshauptstadt mit all dem Begleitbrimborium. Aber auch so ändern sich Stimmungen und Standards, die Kaffeehausatmosphäre wird nervöser.

Wiederum ist der fortwährende Aufstieg Jörg Haiders, inzwischen ist er 49, das Thema. Eben hat seine Partei - Die Freiheitlichen (F) - im kleinen Vorarlberg fast zehn Prozent dazugewonnen und damit die letzte absolute Mehrheit der christdemokratischen ÖVP im Alpendonauland beendet. Wird nun, nach Haiders vorhersehbarem Erfolg in der Wahl am 3. Oktober, in Wien die Große Koalition aus SPÖ und ÖVP zerbrechen? Hat Europas prominentester Rechtsaußen eine ernste Chance auf die Kanzlerschaft? Dass er der eigentliche Wahlsieger sein wird, ist offenbar keine Frage mehr. Ein Christdemokrat sagt, ungläubig kichernd: "Wir sind wie gelähmt."

Die Veränderung in der öffentlichen Reaktion auf den Mann vor den Toren des Kanzleramts ist eklatant. Als Haider vor sechs Jahren mit einem Volksbegehren die Republik gegen Ausländer mobil machen wollte, reagierte die liberal engagierte Minderheit der Bevölkerung mit dem inzwischen legendären "Lichtermeer". Das immerhin sollte klargestellt sein: Fremdenhass ist unanständig. Haiders Volksbegehren wurde zum Flop.

Heute werben Haiders Aktivisten in Wien, wo auch Freiheitliche slawische Namen tragen, in neuer Unbekümmertheit mit Anti-Ausländer-Parolen: "Stopp der Überfremdung", steht auf ihren Wahlplakaten. Und keiner schreit auf.

Irgendwie, meinen zwar die etwas sensibleren Passanten, sei das schon skandalös, wie "die F" wieder hetzt. Wirklich unschön, zumal die so genannte Nettozuwanderung in Österreich inzwischen fast bei null liegt (wofür nicht zuletzt eine rigide Asylpolitik des sozialdemokratischen Innenministers sorgt). Aber Empörung? Protestmärsche? Vorbei. Sie ham sich sooo an ihn gewöhnt ...

Gewiss, ein Linker wie der sozialdemokratische Verkehrsminister Caspar Einem hielt in einem Interview wacker dagegen ("das ist ein wirklich mieses Spiel"), bleibt aber weitgehend allein. Die SPÖ insgesamt ist, was Haiders Themen angeht, teils kleinlaut, teils angepasst. Ansonsten finden sich gerade noch im kirchlichen Milieu die letzten Unverbesserlichen, die zu "Zivilcourage und Widerstand" gegen die alltägliche Demagogie der Haider-Werber aufrufen, katholische Laien, protestantische Bischöfe, der Oberrabbiner Wiens.

Aber nicht nur Gewöhnung pflastert Haiders Rückkehr aus dem Alpenexil an die Donau, dorthin, wo auch machtpolitisch die Musik spielt. Die seit 13 Jahren amtierende Große Koalition trägt dazu bei: voran der betont bodenständige Kanzler Viktor Klima, Sozialdemokrat, einigermaßen beliebt und schlichte Mitte (nicht alte, nicht Neue) neben ihm der betont schlaue Vizekanzler und Außenminister Wolfgang Schüssel, Christdemokrat, einigermaßen unbeliebt und rechtsliberale Mitte. Sie sind nicht erfolglos, Österreich liegt in der Arbeitslosenstatistik mit etwa vier Prozent hinter den Niederlanden und Luxemburg auf Platz drei in der Europäischen Union.