Dieser Auftritt machte den Schafhirten zum Medienstar: Unten vor dem Justizpalast in Montpellier demonstrieren gerade 500 Gleichgesinnte gegen den "US-Ernährungsimperialismus", den "industriellen Einheitsfraß" und für seine Freilassung, als er vom Gerichtssaal zurück ins Gefängnis geführt wird. Da nutzt er die Gelegenheit, hebt sekundenlang seine mit Handschellen gefesselten Arme wie ein Sieger und grinst in die Kameras. Das Bild macht José Bové zum Märtyrer, zum Helden im europäisch-amerikanischen Handelskrieg.

Weil Brüssel die Einfuhr von so genanntem Hormonfleisch aus den Vereinigten Staaten verweigert, sanktioniert Washington seit Ende Juli ausgewählte europäische Schmankerl mit Importzöllen. Frankreichs Bauern bleiben nun auf Köstlichkeiten wie Dijon-Senf, Gänseleberpastete, Trüffel und Roquefortkäse sitzen.

Aus Protest gegen "das amerikanische Diktat" hatte der streitlustige Bové Mitte August deshalb 400 Gesinnungsgenossen dazu angetrieben, eine McDonald's-Baustelle im südfranzösischen Städtchen Millau zu demolieren. Das gibt der Berufsrebell, der schon wegen der Verwüstung eines Genmaisfeldes einsaß, mit einem Anflug von Stolz zu. Eine Freilassung gegen Kaution lehnt er an diesem letzten Augusttag des Jahres aber ab: "Wenn es der Kampf für eine gesunde Ernährung erfordert, dann bleibe ich im Gefängnis", sagt er medienwirksam in die Mikrofone. Gewerkschafter, Künstler und Intellektuelle sind beeindruckt, die französischen Landwirte entzückt. Präsident und Premier wollen den Rädelsführer empfangen. Die Qualität von Lebensmitteln ist in Frankreich inzwischen ein heißes Thema. Nachdem der gewünschte Effekt eingetreten ist, lässt sich der Anarcho mit dem Asterix-Schnauzer eine Woche später freikaufen.

Die Bauern träumen von einer Allianz mit den Verbrauchern

Ende November, wenn in Seattle die Millenniumsrunde der Welthandelsorganisation WTO beginnt und die Liberalisierung der Weltmärkte weiter vorangetrieben werden soll, will sich der wortgewandte Bauer vor den 134 Mitgliedstaaten noch einmal in Szene setzen. "In Seattle geht der Kampf weiter, hier wird über unsere Zukunft entschieden", poltert er und träumt davon, bis zu den Verhandlungen eine europäische Allianz von Bauern, Verbrauchern über politische Grenzen hinweg geschmiedet zu haben, "um die kulturelle Vielfalt und bäuerliche Identität zu wahren".

Die Öffnung der Weltmärkte trifft Frankreichs Landwirte zwar in der Tat besonders hart, aber sie bleiben Exportmeister in Europa. Aufgrund von neuen Technologien und Produktionsmethoden hat sich ihr Arbeitsleben wie überall in der Welt revolutioniert, die Zahl der im Agrarbereich Beschäftigten schrumpfte in den vergangenen 40 Jahren um vier Millionen. Dennoch sind es gerade die französischen Bauern, die eine Reform der Landwirtschaft innerhalb der Europäischen Union rabiat, wenn nicht teilweise kriminell, bekämpfen. Die meisten Kleinbetriebe hängen am Subventionstropf in Brüssel. "Ohne Beihilfen gäbe es statt 700 000 Betrieben heute nur noch maximal 200 000", gibt Landwirtschaftsminister Jean Glavany zu.

Den Politikern geht es um handfeste nationale Wirtschaftsinteressen. Zwar sind die französischen Bauern traditionell gut organisiert, kampferprobt und wegen ihrer Militanz berüchtigt, aber diesmal erntet ihr Protest viel Verständnis - mehr noch als während der Hähnchen-, Zitronen- und Walnuss-Kriege zwischen den Vereinigten Staaten und Europa in der Vergangenheit. Staatspräsident Jacques Chirac versprach, ihre Forderungen in Seattle zu unterstützen, und meinte, "die Sicherheit der Lebensmittel muss gewährleistet bleiben". Und auch Premier Lionel Jospin, selber "nicht sehr für McDonald's", wagt es nicht, richtig gegen die Krawalle vorzugehen. Er hält ihr Anliegen für eine "gerechte Sache", wenngleich er die regelmäßigen gewalttätigen Auswüchse verurteilt.