die zeit: Herr Minister, Sie wollen sich wieder in die Innenpolitik einmischen. Ist der Zustand Ihrer Partei so unerfreulich?

Joschka Fischer: Wenn er nur "unerfreulich" wäre, wäre ich durchaus zufrieden! Man wird ja bescheiden. Wir haben, um genau zu sein, seit der Vorlage des Bundestagswahlprogramms im Herbst 1997 keine einzige Wahl mehr gewonnen. Schon vor der Bundestagswahl haben wir mit dem Rücken zur Wand gekämpft. Es hat eine gewaltige Anstrengung gekostet, die Verluste zu dämpfen und nicht unter fünf Prozent gedrückt zu werden. Seit zwei Jahren stecken wir in einem Abwärtstrend, der existenzbedrohende Ausmaße angenommen hat.

zeit: Wie erklären Sie sich das?

Fischer: All die inhaltlichen Veränderungen, in der Steuerpolitik, in der Rentenpolitik, in der Außenpolitik, haben die Grünen zwar irgendwie pragmatisch nachvollzogen - zum Teil sogar schon vor der Regierungsübernahme.

Aber sie sind nicht zu einer inhaltlichen Überzeugung, nicht zur neuen Parteiidentität geworden. Die notwendigen Reformen, die nach 16 Jahren Kohl für Deutschland in Angriff genommen werden müssen, werden in unserer Partei nicht neu zugeordnet, sondern führen zu tiefer Verunsicherung. Man kann auch sagen: Wir haben den Wechsel von der Oppositions- zur Regierungspartei nicht hinbekommen.

zeit: Was fehlt der grünen Regierungspartei?

Fischer: Das gestaltende Moment. Eine Regierungspartei muss in einer unzulänglichen Welt mit einer unendlichen Anzahl von Wünschen die Begrenzung dieser Wünsche und die gleichzeitigen Fortschritte darstellen - und das alles im Umfeld mächtiger Interessengruppen. Das ist keine einfache Aufgabe. Man muss lernen, was Verantwortung heißt, man muss lernen, wie man sich aus einer anderen Position heraus mit dem politischen Gegner auseinander setzt, wie man die innere Meinungsbildung unter viel schwierigeren Bedingungen organisiert.