In Cape Cod, USA, wird die Asche eines Toten ins Meer gestreut. In Warschau erklärt ein Rabbiner aus New York jungen Polen das Judentum. In einem Warschauer Hinterhof versucht ein Mirabellenbaum die Flucht. In einem Weiler bei Kock erschießt ein deutscher Polizist seine polnische Geliebte.

Bei der Beerdigung des Regisseurs Kieslowski vergisst Hochwürden seinen Text.

Ein neuer Band mit Geschichten von Hanna Krall.

Es ist schwierig, ein Etikett dafür zu finden. Zwar gibt es mittlerweile den Terminus der "literarischen Reportage" - aber dies scheint nicht der richtige Begriff für diese Geschichten über Leute, die schon gestorben sind, oder Leute, die es wider alle Wahrscheinlichkeit geschafft haben, noch am Leben zu sein, und über die Leerstellen, die die Toten hinterlassen haben.

Wie beschreibt man solche Leerstellen mit den Mitteln der Reportage? Man hat Hanna Krall hierzulande stets als die polnische Erzählerin der Schoah wahrgenommen, als eine, die die Erinnerungen, aber auch die Lebensläufe der Überlebenden dokumentiert. Doch im Verlauf ihrer Arbeit an diesem Thema ist sie inzwischen bei etwas angekommen, das weit über die Berichterstattung und über das Erzählen hinausgeht. Mit den Mitteln einer minimalistischen Sprache, einer erzählerischen Verknappung, die das Zentrum der Geschichte in die Leerräume des Ungeschriebenen verlagert, beschreibt sie den Zustand des Verlusts, der immer unfasslichen Abwesenheit der Toten - nicht nur der Toten der Schoah. Sie tut dies mit einer Sorgsamkeit, die die Gefühle der Personen respektiert, aber noch mehr an der Wahrheit interessiert ist. Hanna Krall ist Journalistin

das ist ihr jahrzehntelang ausgeübter Beruf, und auf die Grundsäulen des Handwerks - Berichte, Recherchen, Belege - hat sie nie verzichtet.

Eine der Geschichten trägt den Titel Anwesenheit und beginnt mit dem Satz: "Die einstigen Bewohner hatten ein Mirabellenbäumchen hinterlassen, Glasperlen und Geister." In einem Wohnblock, der auf den eingeebneten Trümmern des Warschauer Ghettos errichtet wurde, machen die neuen Bewohner seltsame Beobachtungen, die nicht rational zu erklären sind. Also rufen sie den Pfarrer, dann eine Exorzistin - aber die Geister, die in der Wohnung ein lautloses Getöse vollführen, sind offenbar nicht katholisch.