Am Anfang steht ein Gedicht. Voller Pathos, wie man es heute nicht mehr wagen würde: "Das ist der Widerspruch unserer Zeit, / daß der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und / sich jetzt vor den Folgen fürchtet

/ daß der Mensch die Produktivkräfte aufs höchste entwickelte, / ungeheure Reichtümer ansammelte, ohne allen einen / gerechten Anteil an dieser gemeinsamen Leistung zu verschaffen ..." Dann jedoch stecken die Autoren, nach so viel Dräuen, ein Lichtlein an: "Aber das ist auch die Hoffnung dieser Zeit, / daß der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern, / von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann, / wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte / nur für friedliche Zwecke einsetzt

/ daß der Mensch dann zum ersten Mal in seiner Geschichte / jedem die Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer gesicherten / Demokratie ermöglichen kann ..." Schließlich der Schlussakkord: "Diesen Widerspruch aufzulösen, sind wir Menschen / aufgerufen. In unsere Hand ist die Verantwortung gelegt für eine / glückliche Zukunft oder für die Selbstzerstörung der Menschheit ..."

Oft ist versucht worden, diese Melodie noch einmal zu intonieren, geglückt ist es nicht mehr. Das Godesberger Programm der SPD vom Herbst 1959, dem diese Präambel vorausgeschickt war, bleibt einzig. Und rasch ist ein Mythos daraus geworden: Die Wende von Godesberg! Abschied von der Klassenkampfpartei! Versöhnung mit dem Kapitalismus! Die Sozialdemokraten werden liberal und bürgerlich! Die Leitartikler der Bundesrepublik jubilieren. Es ist ein denkwürdiger Anfang, einer dieser seltenen Momente, welche die Geschichte der Bundesrepublik sanft durchziehen - heimliche Revolutionen auf deutsche Art.

Im Jahr 1957 hatte die SPD, mit Erich Ollenhauer an der Spitze, gerade drei Prozent bei den Wahlen dazugewonnen, sie liegt jetzt bei 31,8. Sie ist demoralisiert. Konrad Adenauer, der Patriarch, verfügt über die absolute Mehrheit. Die SPD leidet. Sie will aus ihrer Ecke heraus. So kommt es auch, dass sie die Idee, die seit 1952 schwelt, sich ein neues Grundsatzprogramm zu geben (das letzte stammte aus dem Jahr 1925, ein tausendjähriges Reich lag dazwischen), nun realisieren will.

Dem Stoßseufzer Erich Ollenhauers in Godesberg, voller gelinder Verzweiflung, hört man an, wie die Machtverhältnisse sind: über allem ein "autoritär eingestellter Kanzler", wie er klagt, "ungehindert durch ein willfähriges und schwaches Kabinett und eine ebenso willfährige Mehrheit im Parlament". Ein Einmannregime habe sich etabliert. Die Klage kann man verstehen. Aber aus heutiger Sicht sieht man die Lage doch wieder anders, denn ohne die große Figur des alten Indianers wäre es wohl zu der gewaltigen Kraftanstrengung, zur Wende von Godesberg, kaum gekommen. Ja, Adenauer war für die SPD das, was viele Jahre später Margaret Thatcher für die Labour Party werden sollte.

"Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!" Sonntag, 15. November. Nach drei Tagen heftiger Debatte erhebt sich die Godesberger Versammlung "im Geiste unserer alten kämpferischen Tradition", um zu "neuen Siegen" aufzubrechen, wie der ewige Verlierer Ollenhauer es stürmisch formuliert. Was hatte sie in diesem Moment beschlossen? Was stimmt sie so optimistisch?