Das Grauen nistet in der Idylle. Es ist das Bild einer heilen Familie, das die Flammen des Kaminfeuers in den Mauern der Poststation am Ufer der Durance flackernd erleuchten, ein Trugbild: in seinem Sessel am Feuer der alte papé, grinsend mit zahnlosem Mund, in einer Wiege ein quäkendes Bündel, das unter dem wohlgefälligen Blick des Alten an der Brust der Mutter endlich seinen Frieden findet, zwei Lausebengel kichernd unterm Tisch, Monge, der Fuhrhalter, der Herr des Hauses, durch die Fensterluke über dem Spülstein na ch draußen ins Dunkle starrend

soeben hat er in den Ställen die Pferde trockengerieben und den Handwerksgesellen versorgt, der im Unwetter hereingeregnet ist mit einem unpassend fröhlichen "Grüß euch Gott, alle zusammen!", als hätte man gerade noch auf ihn gewartet.

Draußen heult der Wind, draußen rauscht im kalten Licht des Mondes die Durance. "Das Wasser floß dick und zäh wie Mörtel

die Untiefen der Furten warfen Wellenkämme auf, und die Wasseroberfläche erschien Monges Blicken in den Farben der Fäulnis." Es kann nicht gut gehen. Der Leser weiß es in wohliger Beklemmung schon seit dem ersten Satz, mit dem ihn Pierre Magnan Das ermordete Haus hat betreten lassen: "Dies war eine jener Nächte, die es einem geraten scheinen lassen, wachsam zu sein, um bösen Überraschungen aus dem Wege zu gehen

eine Nacht, in der man den Atem anhält, in der man in dieser Gegend auf alles gefaßt sein muß."

Das ist nicht zu viel versprochen. Wir sind ohne Umweg im Vorhof der Katastrophe, am Tor zur Hölle dieser blutigen Nacht, in der die Familie des Fuhrhalters Monge ausgelöscht wird und das quäkende Bündel, das Wickelkind mit dem seraphischen Gesicht, auf unerklärliche Weise allein überlebt. Fünf Leichenwagen, dahinter ein Säugling auf dem Arm einer mitleidigen Nachbarin - man wendet die Augen nicht von den Seiten, den Bildern dieser Geschichte aus der Provence. 23 Jahre später kehrt Séraphin Monge an den schrecklichen Ort zurück, ein Riese mit breiter Brust, den Schützengräben des Weltkriegs unversehrt entstiegen, ein zweites, den Leuten im Dorf unheimliches Wunder in diesen Zeiten der gueules cassées, der vom Krieg Beschädigten. In dem, was ihm, gestoßen auf die eigene Geschichte, an Ort und Stelle zu Ohren kommt, hört er, der ahnungslose Engel, das Gurgeln des Blutes, und er weiß: Solange er das im Kopf hat, wird er nicht leben können wie alle anderen. Getrieben von quälenden Träumen, vor Augen das gesichtslose Bild der Mutter, wie sie dalag, mit hoch geschobenen Röcken und aufgeschlitzter Kehle, beginnt Séraphin mit rasend geschwungenem Hammer das Haus totzuschlagen, Stein für Stein abzutragen, vom Dach bis zu den Grundfesten. Auf der Suche nach den Mördern, nach einem Zeichen, nach Erlösung.

Es gibt kein Entkommen aus dem magischen Bann des ermordeten Hauses, für Séraphin so wenig wie für den Leser, der am Kragen gepackt wird von der Kraft der Sprache dieses Romans, die mitreißt wie die montagnière, der Wind aus den Bergen, der, solange er tobt, an nichts anderes denken lässt und nach drei Tagen Gute wie Böse zur Unterwerfung zwingt. Die Natur ist ein mächtiger Faktor in den Geschichten Pierre Magnans, der in dieser provenzalischen Landschaft zu Hause ist. Bedrohung bricht aus den Felsen, kriecht von den Bäumen, steigt aus den Nebeln, dass es auch einem Riesen kalt den Rücken hinunterläuft.