Das Horrorszenario ist schnell gemalt: Wenn demnächst das sonntägliche Fahrverbot für Brummis fällt, dann wird die Autobahn zur Hölle. Noch mehr Dreck, Staus, Frust. Und schon jetzt ist klar, wer dieses Teufelswerk ausgeheckt hat - der Satan hockt in Brüssel und heißt Europa.

So weit der deutsche Albtraum. Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. Vor mehr als 18 Monaten präsentierte die EU-Kommission zwar die Idee, europaweit die nationalen Fahrverbote für Schwerlaster zu harmonisieren. Aber bis heute haben die Verkehrsminister der 15 Mitgliedsländer diesen Vorschlag nicht einmal diskutiert. Im Oktober wird nun erstmals geredet, frühestens im Dezember wird entschieden - und schon jetzt ist klar: Die befürchtete "freie Fahrt am Wochenende" (Süddeutsche Zeitung) werden die Lkw niemals erhalten.

Denn auch die EU-Kommission will das Fahrverbot nicht ganz und gar abschaffen.

Allerdings schlägt Brüssel vor, Europas Lastwagen nur noch an Sonn- und Feiertagen von maximal 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends (im Sommer bis Mitternacht) auszubremsen. Damit würde der Samstag grundsätzlich zum Brummi-Tag. Und auch sonntags wäre das EU-Regime weit weniger streng als jene Regeln, mit denen sich Europas Transitländer verzweifelt des schwerlastigen Wochenendverkehrs erwehren: Deutschlands nationales Fahrverbot beginnt bereits um Mitternacht, in Frankreich gilt ab Samstagabend um 22 Uhr die Pflicht zur Rast. Und in Österreich stehen alle Lkw-Räder bereits ab Samstag 15 Uhr still - für volle 31 Stunden. Von Austrias Zwangspause bliebe nicht einmal die Hälfte übrig.

Aus Wien, Paris und Berlin erschallen denn auch die lautesten Proteste gegen die Brüsseler Pläne. Derweil zählen Briten und Skandinavier zu den Freunden der Harmonisierung, ihr peripherer Standort bestimmt ihren Standpunkt. Und natürlich baut auch die niederländische Regierung auf eine europäische Lösung: Hollands Lkw-Lobby hat schon vor Jahren in einer waghalsigen Studie kalkuliert, dass die nationalen Fahrverbote Europas Wirtschaft jährlich bis zu sechs Milliarden Mark kosteten. Beweisen lässt sich diese Zahl nicht.

Das aber gilt auch für manchen Einwurf, mit dem Österreicher und Deutsche gern ihren Brummi-Bann rechtfertigen. Dass das Fahrverbot die Umwelt schützt, Unfälle verhütet oder gar allerlei Fracht vom Asphalt auf die Schiene zwingt - all das sind nach Meinung eines Brüsseler Kommissionsexperten nur "germanische Mythen". Im Gegenteil, uneinheitliche Sperrzeiten am Wochenende verleiteten die Fahrer zu langen Umwegen, erhöhten zudem wochentags die Crash-Gefahr. Neuerdings forciert die finnische EU-Präsidentschaft ein anderes Argument für eine Harmonisierung: Wenn die EU sich jetzt einigt, könne Brüssel demnächst auch mit Polen, Ungarn oder Rumänien fixe Ruhezeiten aushandeln. In sechs Beitrittsländern gelten nämlich sechs verschiedene Regelwerke.

Gleichwohl, die Wetten stehen gegen einen EU-Kompromiss. Zwar hofft mancher in Brüssel auf eine "italienische Lösung": Per Mehrheitsentscheidung würde sich die EU just auf jene minimalen Standards einigen, die derzeit südlich des Brenners gelten