Die Barmer Ersatzkasse will zusammen mit anderen Krankenversicherungen die Zigarettenhersteller verklagen. Raucher, so das Argument der Kassen, verursachten der Solidargemeinschaft jährlich Kosten in Milliardenhöhe, und diesen Schaden möchte sich die Barmer ersetzen lassen.

Die Klage soll allerdings in den USA eingereicht werden, weil dort die Produkthaftungsgesetze sehr viel weiter reichen als bei uns. Aber stimmt es eigentlich, dass die kranken Raucher die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben? Eine entsprechende Bilanz wird von den Kassen nicht veröffentlicht. Wenn sie wirklich nachrechnen würden, müsste das Fazit lauten: Die gesünder lebenden Nichtraucher erzeugen auf die Dauer höhere Kosten als die Raucher.

Eins ist klar, Raucher sind eine Gefahr für sich selbst und andere. Auf sechs Jahre schätzt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den durchschnittlichen Verlust an Lebensjahren, den ein 30-Jähriger durch das Rauchen von einem bis zwei Päckchen Zigaretten täglich erleidet. Das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen geht sogar von einer Lebensverkürzung von über zehn Jahren aus.

Mehr als 100 000 Raucher jährlich werden in Deutschland wegen ihres Rauchens zu Frühinvaliden, mehr als 30 Milliarden Mark geben die Krankenkassen jährlich für die Behandlung von Raucherkrankheiten aus. Raucher verursachen häufiger Verkehrsunfälle, die Kinder von rauchenden Müttern kommen häufiger als andere missgebildet und mit Untergewicht zur Welt, und möglicherweise schadet der Raucherqualm auch anderen Menschen, die selbst nicht rauchen.

Aber noch eins ist klar: Auch Raucher müssen sterben, genauso wie Müsli-Esser oder Antialkoholiker. Ob wir rauchen oder nicht - letztlich beträgt die Sterblichkeitsrate immer 100 Prozent. Die 30 Milliarden Mark Behandlungskosten jährlich, die die Raucher der Solidargemeinschaft auflasten sollen, müssen nicht zusätzlich, sondern anstelle anderer Ausgaben aufgebracht werden. Ein an Lungenkrebs gestorbener Raucher kann nicht an einem zehnmal teureren Herz-Kreislauf-Leiden sterben.

Und selbst wenn man zugesteht, dass Raucher während ihres Lebens ihre Krankenkassen teurer als Nichtraucher zu stehen kommen, wird dieser Kostenüberhang durch das frühe Sterben wieder aufgewogen. "Für die gesetzlichen Krankenkassen sieht die Rechnung beim Rauchen makaber günstig aus", formuliert denn auch der Sozialmediziner und Vorsitzende des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, Friedrich Wilhelm Schwartz. "Die Raucher sterben so viel früher, dass sie den Kassen wieder jene Kosten ersparen, die sie zuvor für die Behandlung von Gefäßverschlüssen, Infarkten, Krebs und Bronchitis gekostet haben."

Ein Raucher auf dem Friedhof kostet seine Krankenkasse nichts. Nichtraucher dagegen liegen viele Jahre länger ihrer Krankenkasse auf der Tasche. Die Frage heißt nicht: Kosten ja oder nein, sondern: Kosten jetzt oder später