Wochenlang waren Sie in Ihrem telefonlosen Haus in der toskanischen Wildnis unerreichbar. Ist dieses Versteck ein perfekter Ort für eine heimliche Liebe?

Wolfgang Schmidbauer: Das Land ist überhaupt nicht gut für heimliche Lieben, weil dort die soziale Kontrolle sehr ausgeprägt ist. Bei einem einsamen Haus auf dem Land achten die Leute viel mehr darauf, wer aus und ein geht, als bei einem belebten Haus in der Stadt.

Um diese Frage zu beantworten ist keine psychologische Fachkompetenz, sondern gesunder Menschenverstand erforderlich. Im Übrigen würde ich nie eine heimliche Liebe empfehlen. Wenn jemand sehr depressiv ist und seit Jahren nicht mit seiner Frau geschlafen hat, dann würde ich fragen: Haben Sie gar keine Fantasie, dass Sie diesen Zustand ändern können? Aber ich würde ihm nicht den Ratschlag geben: Suchen Sie sich eine Geliebte.

Sie konstatieren, dass die lang andauernde, öffentliche Beziehung reglementiere, während eine Affäre etwas Rauschhaftes habe: Die Liebe sei eines der letzten Reservate von Wildnis in der Zivilisation. Von Grenzenlosigkeit und auch von Schnelligkeit. Jedoch soll man seine Affären gegenüber dem Partner verheimlichen. Warum?

Um ihn und seine Intimsphäre zu schützen. Es geht mir um Schadensbegrenzung, und dabei würde ich eine Güterabwägung machen: Am schönsten ist der liebende und völlig durch mich zufrieden gestellte Partner. Am zweitbesten ist der liebende Partner, der deshalb zufrieden gestellt ist, weil er sich anderswo holt, was er von mir nicht bekommt. Am drittbesten ist der liebende, jedoch unzufriedene Partner. Und am schlechtesten ist der Partner, der mir konkret lieblos, abstrakt im Namen der Liebe, sein Elend zum Vorwurf macht, ohne imstande zu sein, sich anderswo zu holen, was ihn befriedigen könnte.

Sie sagen, man solle beim Verheimlichen der Affäre Lügen dosieren wie Penicillin bei einer Lungenentzündung.

Sie müssen ausreichend dosiert werden, um wirklich Zweifel des Partners zu beseitigen. Wer Penicillin zu niedrig dosiert, riskiert, dass die Entzündung nicht besiegt wird, wohl aber resistente Erreger züchtet. Es geht darum, dass schonend mit dem Bedürfnis des Partners nach Verlässlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit umgegangen wird. Und ich denke, in vielen Fällen muss man auch auf was verzichten, was vielleicht zu offenkundig wäre.