Autobiografien sind Rechtfertigungen, neben allem anderen wie Selbstdarstellung, Lebensbericht, Rechenschaft und Vermächtnis. Karl-Heinz Gerstner, der renommierte DDR-Journalist, bedient sich zwar kräftig der Selbstdarstellung in episodenhafter Form, kommt jedoch gänzlich ohne die zu erwartenden Rechtfertigungen aus. Das ist für ein fast neun Jahrzehnte zählendes Leben in dreimal wechselnden Staatsformen und vierzig Jahren Kalter Krieg bemerkenswert ungewöhnlich.

Vielleicht liegt es an der Fähigkeit des Autors, in allen Situationen Freundschaften zu schließen und gute Beziehungen über politische Grenzen hinweg zu erhalten, wie etwa die mit Kurt-Georg Kiesinger, dem Bonner Bundeskanzler, seinem früheren Repetitor. Oder an seinem unverwüstlichen idealistischen Drang, gesellschaftspolitisch etwas zu bewirken, doch den wechselnden Zentren der Macht und ihren Ideologien fernzubleiben.

Bereits 1933 tritt der von der Jugendbewegung geprägte Sohn eines Diplomaten, 21 Jahre alt und Mitglied im Roten Studentenbund, in die NSDAP ein, um, wie auch Robert Jungk damals glaubte, von innen zu ändern, was man von außen nicht beeinflussen kann. Das bleibt eine Illusion. Er gründet zwar, wie sein Leben lang, hier und dort Gesprächskreise mit Gleichgesinnten, vermeidet jedoch absichtsvoll in den ganzen zwölf Jahren, in der Partei tätig zu werden.

Nach dem Krieg entscheidet sich der schwärmerische Sozialist Gerstner für die sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, obgleich er gerade sechs Monate entbehrungsreiche Internierung in sowjetischem Gewahrsam hinter sich hat. Seine frühe Parteimitgliedschaft, vor allem seine Arbeit als Wirtschaftsreferent des Auswärtigen Amtes während des Krieges in Paris hatten zu diesem "automatischen Arrest" geführt. Doch der Nachweis seiner langjährigen, höchst gefährlichen Zusammenarbeit mit dem französischen Widerstand rehabilitiert ihn.

Die AA-Vergangenheit bringt ihn aber auch zur Berliner Zeitung, die vierzig Jahre lang die Basis seines wachsenden publizistischen Einflusses ist. Der Verlagsleiter Gerhard Kegel hatte als Legationsrat in der Moskauer Botschaft mit sowjetischen Beamten konspiriert. Er sah in Gerstner einen Gleichgesinnten aus der NS-Zeit und stellt ihn 1948 als Wirtschaftsredakteur ein. Chefredakteur war Rudolf Herrnstadt (später Leiter des Neuen Deutschand), ein Gegner des Stalinisten Walter Ulbricht, der nach dem 17. Juni 1953 wegen "fraktioneller Tätigkeit" von allen Parteiämtern ausgeschlossen wurde.

1955 erfindet Gerstner die Sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung im Staatsrundfunk und schafft sich damit ein ideales Feld für sein so ursprüngliches Bedürfnis, mit den Menschen, mehr noch zu ihnen, über die gute Sache des Sozialismus zu reden. Er tut es 33 Jahre lang, Woche für Woche, ideologiefrei, aufmüpfig und oft am Rande des Erlaubten, gelegentlich darüber hinaus, und ist höchst populär.

Gerstner, der sich als "sozialistischer Seelsorger" sieht, nennt die Sendung eine "optimistische Erbauung der Menschen" und benennt sie folgerichtig um in Sachlich, kritisch, optimistisch. So lautet auch der Buchtitel, und es ist sein Lebensmotto bis zum Ende hin, wenn Karl-Heinz Gerstner über die ideologische Wende schreibt: "Ich sehe sozialistische Urideale im demokratischen Festgewand auferstehen." Einem solchen Leben mag man diese Hoffnung gerne zugestehen.

Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch, optimistisch

Eine sonntägliche Lebensbetrachtung

Edition Ost, Berlin 1999

448 S., 39,80 DM