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Er war krank. Das von der Mutter ererbte Lungenleiden beherrschte Christian Morgensterns Leben. Mit 22 Jahren der erste Zusammenbruch, er musste mit seinem Jurastudium aufhören. Danach immer wieder Aufenthalte in Kurorten und Sanatorien. Ungeachtet seiner schwankenden Gesundheit und seiner bescheidenen Einkünfte als Autor und Übersetzer war er ein Vielreisender. "Mein Herz ist in diesem Sommer zwischen Nordsee und Alpen hin- und hergerissen worden", schrieb er, "und ich werde wohl nie dazu kommen können, einen Teil der unendlichen Natur vor einem anderen zu bevorzugen."

Lärmender Kurbetrieb deprimierte ihn, er schätzte einsame Erholung. In Meran hatte Morgenstern von Dreikirchen gehört, von der Abgeschiedenheit des Orts und von der seit dem 11. Jahrhundert bekannten Heilquelle, deren schwach radioaktives Wasser besonders auf Erkrankungen der Atemwege wirken soll. Sein Aufenthalt im Gasthof Bad Dreikirchen im Sommer 1908 wurde für ihn lebenswichtig: Er begegnete seiner späteren Ehefrau Margareta Gosebruch von Liechtenstern. Sie spielte Klavier, er lauschte. Sie unternahmen Spaziergänge, vorbei an einem von acht Wasserfällen. Sie saßen auf der Veranda und genossen den Blick aus 1123 Meter Höhe auf das Bergpanorama.

Die 30 kleinen Zimmer des Badgasthauses, dessen Grundmauern teilweise aus dem Jahr 1315 stammen, sind heute noch so karg eingerichtet wie zu Morgensterns Zeit. Mobiliar aus unlackiertem Holz, kein fließendes Wasser, keine Heizung. Moderne Duschen und WCs finden sich immerhin auf der Etage. In den Betten lässt sich gut ruhen, das ist das Wichtigste, nachdem der Gast einen der steilen Hänge erklommen hat. Wer das heilende Wasser sucht, dem Dreikirchen den Zusatz Bad verdankt, findet es in einem Schwimmbecken unter freiem Himmel.

Ein Klavier steht nach wie vor im Salon, und der Ausblick von der Veranda hat nichts an Imposanz verloren. Nach Norden erschließt er das Eisacktal, erkennbar sind Klausen (Chiusa) und auf einem isolierten Felsen das Kloster Säben. Hinter den bewaldeten Bergketten im Osten ragen hell und kahl die ersten Dolomiten auf, der Sella-Block und der Langkofel, Luis Trenkers "heiliger Berg". Allein das leise Grollen, das von der Brenner-Autobahn heraufzieht, stört die Zeitreise ein wenig.

Ein Graf und seine verschwundene Tochter

Seine Abgeschiedenheit hat Dreikirchen (Tre Chiese) bewahrt, genauer gesagt, sie ist verteidigt worden. Die Siedlung mit den verstreut gelegenen Höfen, mit den drei Kirchen und den drei Herbergen ist für Besucher nur zu Fuß zu erreichen. Auf halbem Weg zwischen Brixen (Bressanone) und Bozen (Bolzano) biegt man ab und folgt einer fünf Kilometer langen Serpentinenstraße bis Barbian (Barbiano). Unweit der Kirche, deren 600 Jahre alter Turm so schief ist wie der von Pisa, wird das Auto geparkt und das Gepäck in einer Scheune verstaut, von wo es der Wirt mit dem Geländewagen abholt. Je nach Konstitution zwischen einer halben und einer Stunde dauert der Aufstieg über den Waldpfad.

Seit 1811 zieht es Badegäste nach Dreikirchen, aber man widerstand der Versuchung zur Expansion. 1855 wurden 167 männliche und 257 weibliche Pensionsgäste gezählt - viel mehr sind es heute nicht. So wie hier, sagen Kenner der Region, sah Fremdenverkehr, sah Sommerfrische einst überall in Südtirol aus. Während jedoch anderswo die Gebirgshänge mit Fahrwegen und Liften zugänglich gemacht und die Gasthäuser laufend modernisiert wurden, blieb Dreikirchen bewusst rückständig. Besucher können auch ganz aufs Auto verzichten und wandern zwei bis drei Stunden von der Bahnstation in Klausen herauf.

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Die Namen gebenden drei Kapellen umgibt natürlich ein Geheimnis. Der Sage nach hat ein Graf die erste Kirche gestiftet, nachdem seine Tochter verschwunden war. Und als diese nicht wieder auftauchte, ließ er die zweite bauen. Und dann die dritte. Demnach müsste der Graf ziemlich alt geworden sein: Die älteste der drei, St. Gertraud, wird 1237 erstmals erwähnt, St. Nikolaus stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert, und St. Magdalena wurde um 1500 erbaut. Um die von Kunstführern gerühmten Altäre und Fresken zu besichtigen, muss man die Kirchenschlüssel im Gasthof Messner-Haus holen.

Die Natur macht die Anziehungskraft von Dreikirchen aus. Für Spaziergänge bieten sich jedoch zwei architektonische Ziele an. Auf dem Weg zum Rittner Horn (2260 Meter) liegt das Haus Settari von 1919. Erbauer Lois Welzenbacher (1889 bis 1955) war unter anderem Stadtbaudirektor in Plauen und Lehrer an der Wiener Akademie. Das Dach des Ferienhauses imitiert einen in der Ferne sichtbaren Berggipfel. Eine Viertelstunde weiter auf 1310 Meter Höhe befindet sich der Gasthof Briol, ebenfalls ein architektonisches Kuriosum, bei dem der Regionalstil mit Bauhauselementen überformt wurde. Entworfen hat es um 1928 der Bozener Maler Hubert Lanzinger. Durch ein Gemälde, das als Muster für unfreiwillige Karikatur gilt, hat er sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben: Hitler als Ritter in einer silbern glänzenden Rüstung, die Hakenkreuz-Fahne am ausgestreckten Arm.

Die Entrücktheit des Ortes bietet sich an für abgehobene Gedanken, und so laden seit 1996 das Innsbrucker Institut für Alltagsforschung und die Grüne Bildungswerkstatt Tirol Geisteswissenschaftler, Künstler und Publizisten aus Österreich und Deutschland zu Gesprächen über Themen wie Schwelle oder Geschichten nach Dreikirchen. Drei Tage lang sind dann die Fauteuils in der Bibliothek für andere Gäste blockiert.

Auskunft: Landesfremdenverkehrsamt, Pfarrplatz 11, I-39100 Bozen, Tel. 0039-0471/99 38 08.