Josef Mengele gilt als Massenmörder und Medizinmonster. Kein Naziarzt hat die Fantasie der Medien mehr erregt. Nun gibt es ein Buch, das die Frage beantworten will: Wer war Josef Mengele?

Autor ist Ulrich Völklein, ehemals verantwortlicher Redakteur für Zeitgeschichte beim stern. Völklein beschreibt Mengeles Leben: Kindheit im schwäbischen Günzburg, KZ-Arzt in Auschwitz, Flucht nach Südamerika, das Ende in Brasilien. Der interessierte Leser hat alles irgendwo schon einmal gelesen. Quellennachweise sind rar, in der Literaturliste der benutzten Bücher haben die Autoren nicht einmal einen Vornamen.

Völklein hat einige Personen aus dem Umfeld Mengeles befragt, zum Beispiel Hans Münch, einst Leiter des SS-Hygiene-Instituts in Auschwitz. Der im Allgäu lebende ehemalige Untersturmführer hatte sein Nachkriegsleben lang den anständigen SS-Arzt gegeben, bis ihm 1998 in einem Spiegel-Interview herausrutschte: "Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind."

So fragwürdig die Zeugen, so fragwürdig eine Hauptquelle des Buches: Tagebuchaufzeichnungen und autobiografische Texte Mengeles, meist aus den siebziger Jahren. Völklein hält sie in Gänze für eine Primärquelle von hohem Rang. Und so erzählt er Mengeles Lebensweg anhand von Mengeles Vorgaben. Die Aufzeichnungen enden 1932 und setzen erst 1945 wieder ein. Sie sind zur Rechtfertigung nachträglich verfasst. Die Eintragungen der letzten Lebensjahre zeigen einen kränkelnden Herrenmenschen, der Probleme mit Zugehfrau und defekten Haushaltsgeräten hat. Auschwitz bleibt ausgespart.

Wer war Josef Mengele? Exfreunde tragen wenig bei, die Mengele-Texte geben kaum etwas her. Bleiben die Akten der Justiz. Völklein hat den Bestand des Mengele-Verfahrens der Frankfurter Staatsanwaltschaft einsehen können (wenn auch nicht als erster Forscher ausgewertet, wie der Verlag rühmt). Die Fülle des Materials birgt ein Problem: Den Aussagen zufolge hätte Mengele gleichzeitig im Stammlager, in Auschwitz-Birkenau, in Monowitz und diversen Nebenlagern gewütet.

Völklein wägt die Aussagen nicht ab. So erzählt zum Beispiel die ehemalige Häftlingsfrau Fanny Goldstein, bekannt geworden als Autorin Fania Fénelon (Das Mädchenorchester in Auschwitz), eine schaurige Geschichte: Eines Tages taucht der geschniegelte KZ-Arzt beim Mädchenorchester auf. Er lässt etwa fünfzig grotesk herausgeputzte kleinwüchsige Häftlinge ("Zwerge") ein zweistündiges Konzert geben, um sie dann ermorden zu lassen. Dies passt zum Monsterbild, nur: Konzert und Zwergenmord sind eine Erfindung der Schriftstellerin.

Er verbrauchte Häftlinge wie Laborratten

Ein anderes Beispiel: Mengele soll in Monowitz bei der Folterung von Häftlingen mit Elektroschocks dabei gewesen sein. Die Wirklichkeit ist ganz anders: Der polnische Häftling Zenon Drohocki war Ende 1943 nach Monowitz verschleppt worden. Drohocki, Psychiater von Beruf, hatte sich eine primitive Apparatur bauen lassen, um mit E-Schocks zu experimentieren. Es gehört zur Realität Auschwitz, dass sich auch Häftlingsärzte des menschlichen Versuchsmaterials bedienten.

Völklein hat die unzähligen Aussagen wohl gesehen, die Mengele als kalt, aber kultiviert beschreiben. Er hat auch gelesen, dass auffallend viele Häftlinge noch im Nachhinein von Mengeles Aussehen schwärmten, so komisch das heute klingt. Vor allem die Insassen des Zigeunerlagers haben ihn in guter Erinnerung ("ein Ehrenmann"). Die Kinder riefen ihn "Väterchen". Sie hätten es kaum getan, wäre er der Massenmörder im Blutrausch gewesen.

Völklein sucht den Widerspruch zu lösen, Mengele habe in seiner Person den guten "Vater der Zigeuner" und den "Teufel von Birkenau" vereint. Schließlich hätten sich seine Vorstellungen von den eigenen Fähigkeiten "ins Maßlose" gewandelt und ihn zu unsinnigen Versuchen verführt. Völklein meint, der KZ-Arzt habe sich in einen "Blutrausch von Allmacht und Vernichtung" gesteigert.

Zweifel sind angebracht: Josef Mengele war Humangenetiker aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, die damals beste Wissenschaftsadresse in Europa. Er vermaß und verkartete Zwillinge nach dem Institutsraster. Er machte Blutgruppenuntersuchungen und Experimente zur Veränderung der Augenfarbe. Es sind vielfach Versuche, die seine Genetikkollegen zu dieser Zeit an Tieren vornehmen.

Mengele verbrauchte Häftlinge wie Laborratten. Das unterscheidet ihn in nichts von Medizinern der Luftwaffe, die im KZ Dachau das qualvolle Sterben von Häftlingen im Eiswasser messtechnisch festhalten. Oder vom Frauenarzt Hellmuth Vetter, der im Dienste der IG Farben KZ-Häftlinge künstlich mit Fleckfieber ansteckt und sie bis zum Tode mit Bayer-Präparaten traktiert. Oder vom Jungmediziner Heinz Kaschub, der im Auftrag der Wehrmacht Auschwitz-Häftlingen die Haut verbrennt und herausschneidet.

Völklein bedient den Mythos Mengele. So bleibt das wahre Monster verborgen: der Mediziner Mengele, der das Menschenlabor Birkenau radikal nutzte. Er nahm eine einmalige Gelegenheit wahr, statt an Tieren mit Menschen experimentieren zu können, Tötung inklusive. Mengele war keine pathologische Ausnahme, er folgte der rassistisch-biologischen Ethik seiner Zunft.

Ulrich Völklein: Josef Mengele - Der Arzt von Auschwitz

Biographie

Steidl Verlag, Göttingen 1999

320 S., 38,-DM