Ein anderes Beispiel: Mengele soll in Monowitz bei der Folterung von Häftlingen mit Elektroschocks dabei gewesen sein. Die Wirklichkeit ist ganz anders: Der polnische Häftling Zenon Drohocki war Ende 1943 nach Monowitz verschleppt worden. Drohocki, Psychiater von Beruf, hatte sich eine primitive Apparatur bauen lassen, um mit E-Schocks zu experimentieren. Es gehört zur Realität Auschwitz, dass sich auch Häftlingsärzte des menschlichen Versuchsmaterials bedienten.

Völklein hat die unzähligen Aussagen wohl gesehen, die Mengele als kalt, aber kultiviert beschreiben. Er hat auch gelesen, dass auffallend viele Häftlinge noch im Nachhinein von Mengeles Aussehen schwärmten, so komisch das heute klingt. Vor allem die Insassen des Zigeunerlagers haben ihn in guter Erinnerung ("ein Ehrenmann"). Die Kinder riefen ihn "Väterchen". Sie hätten es kaum getan, wäre er der Massenmörder im Blutrausch gewesen.

Völklein sucht den Widerspruch zu lösen, Mengele habe in seiner Person den guten "Vater der Zigeuner" und den "Teufel von Birkenau" vereint. Schließlich hätten sich seine Vorstellungen von den eigenen Fähigkeiten "ins Maßlose" gewandelt und ihn zu unsinnigen Versuchen verführt. Völklein meint, der KZ-Arzt habe sich in einen "Blutrausch von Allmacht und Vernichtung" gesteigert.

Zweifel sind angebracht: Josef Mengele war Humangenetiker aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, die damals beste Wissenschaftsadresse in Europa. Er vermaß und verkartete Zwillinge nach dem Institutsraster. Er machte Blutgruppenuntersuchungen und Experimente zur Veränderung der Augenfarbe. Es sind vielfach Versuche, die seine Genetikkollegen zu dieser Zeit an Tieren vornehmen.

Mengele verbrauchte Häftlinge wie Laborratten. Das unterscheidet ihn in nichts von Medizinern der Luftwaffe, die im KZ Dachau das qualvolle Sterben von Häftlingen im Eiswasser messtechnisch festhalten. Oder vom Frauenarzt Hellmuth Vetter, der im Dienste der IG Farben KZ-Häftlinge künstlich mit Fleckfieber ansteckt und sie bis zum Tode mit Bayer-Präparaten traktiert. Oder vom Jungmediziner Heinz Kaschub, der im Auftrag der Wehrmacht Auschwitz-Häftlingen die Haut verbrennt und herausschneidet.

Völklein bedient den Mythos Mengele. So bleibt das wahre Monster verborgen: der Mediziner Mengele, der das Menschenlabor Birkenau radikal nutzte. Er nahm eine einmalige Gelegenheit wahr, statt an Tieren mit Menschen experimentieren zu können, Tötung inklusive. Mengele war keine pathologische Ausnahme, er folgte der rassistisch-biologischen Ethik seiner Zunft.

Ulrich Völklein: Josef Mengele - Der Arzt von Auschwitz