Verstehe, wer will. Seit Jahren warnen ungezählte Ethik-Professoren vor den Gefahren der Gentechnik für das humanistische Menschenbild. Nichts passiert. Doch kaum hält ein Philosoph einen Vortrag, der dem Humanismus die Totenglocke läutet, entzündet sich eine Kontroverse, die alles in den Schatten stellt.

Und doch. Könnte es sein, dass der Urheber des "deutschen Bebens", der Schriftsteller und Philosoph Peter Sloterdijk, eine falsche Fährte gelegt hat? Geht es ihm wirklich nur um Gentechnik? Oder dreht sich der Streit um etwas ganz anderes: um den Geist der Berliner Republik?

In der Tat, so kann man es sehen. Sloterdijk spielt landauf, landab mit dem Gedanken an ein neues, verbindliches Weltbild, das der alten Gesellschaftskritik ein Ende bereitet. Er wünscht sich einen kulturellen "Immunschutz" und einen Sinn stiftenden Mythos, unter dessen Dach einsame Gegenwartsmenschen Zuflucht suchen können. Allerdings, auf Sloterdijks Mythen-Baustelle hat ein Kandidat nichts mehr zu suchen: der Humanismus. Er nämlich gehört ins Museum, genauso wie das jüdisch-christliche Menschenbild. Auch mit Demokratie und Menschenrechtsdenken ist Sloterdijks Humanismuskritik schwer zu vereinbaren. Und wenn er jetzt den Tagesthemen erklärt, in seiner Elmauer Rede sei es ihm um Bio-Ethik zu tun gewesen, dann führt er das Publikum in die Irre. Denn Ethik, das sagt er selbst, gehört jener humanistischen Ära an, die auf dem Friedhof des Abendlandes ihre letzte Ruhe fand.

Und was hat all das mit der Berliner Republik zu tun? Ganz einfach. Wenn Humanismus passé ist, sind Unrecht und Ungerechtigkeit kein Skandal mehr. Und siehe da, plötzlich gewinnt Sloterdijk der Krise des Sozialstaats eine gute Seite ab. Endlich, so lässt er durchblicken, hat die egalitäre Langeweile ein Ende, und die Menschen spüren wieder die Last ihres Schicksals. Kampfeslustig streift sein Blick die tragische Zukunft. "Vor uns liegt ein Weltalter, in dem der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern" wieder mit "antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt".

Das sollte reichen. Doch einige schwarzgrüne Kesselpauker aus dem Orchestergraben der Republik entdecken in Sloterdijks Phantasmen eigene Wünsche. Dass auch Antje Vollmer mitspielt, ist symptomatisch, und ihre Polemik in der FAZ (27. 9. 99) liest sich wie ein Dokument dafür, dass nach dem politischen Niedergang der Grünen ihr intellektueller auf dem Fuße folgt. Vollmer liebt Sloterdijks Stil ("schön dunkel und raunend"), straft mit preußischem Rohrstock das ungebildete Deutschfeuilleton ("ohne textliche Grundlage"), sinniert über das "historisch Böse an sich" - und verpasst beinahe die Arche Noah zur Flucht aus dem jüdischchristlichen Abendland. Aber dann kommt es. Die "Ritter der Übermoral", klagt sie, versperren ihr den Zutritt in die "sinnlichen Gärten" des nationalen Bildungsguts. Auf Hochdeutsch: Linker Geist ("Denk- und Leseverbot") sabotiert die kulturelle Identität aller Deutschen.

Andere pusten ins selbe Horn. Selbst im Tagesspiegel heißt es deutsch, aber glücklich, das altlinke Alarmsystem der Sloterdijk-Kritiker habe sich stets gegen die "Wiederkehr des Deutschen in den Deutschen" gerichtet.

"Das Deutsche in den Deutschen". Das scheint des Pudels Kern beim Streit um ein philosophisches Irrlicht. Wieder einmal deutsche Tiefe gegen flache Kritik? Deutscher Mythos gegen westliche Massenkultur? Aber welche Denker und Dichter müssen aus den "sinnlichen Gärten" des Deutschen befreit werden? Dass Heidegger 1933 ein Nazi war, hat sich auch nach 1989 nicht geändert, was kein Grund ist, ihn nicht zu lesen. Im Übrigen: Hat Anfang der achtziger Jahre nicht genau jenes linksliberale Milieu Sloterdijks Heidegger-Lektüren enthusiastisch gefeiert, dem man heute Zensur zur Last legt? Und seit langem gibt eine Feuilleton-Allianz aus Postmoderne und Neokonservativismus den Ton an, während sich die Generation Berlin an das Horrorgemälde vom linken Übermoralisten klammert, der mit vorgehaltener Meinungspistole die deutsche Kultur in den Untergrund jagt.