Das Theaterstück auf der Heimatbühne, die Gemälde von Rembrandt im Museum, auch der Ägyptenvortrag an der Volkshochschule: alles Kultur! Aber: Die Form der morgendlichen Kaffeetasse, die Farbe des Telefons oder der Strümpfe, die Musik, die aus dem Zimmer des Nachwuchses hämmert, das Gespräch mit der Schwiegermutter über die kultige Fernsehserie - auch alles Kultur? Sicher, sagt man heute, aber das war nicht immer so.

Dass die Dinge und Formen des Alltags, dass Lebensweisen und Kommunikationsformen der Gegenstand geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Aufmerksamkeit sind, ist mittlerweile selbstverständlich. Allzu schnell vergisst man daher, dass die wissenschaftliche Wahrnehmung der Kultur der Lebenswelt erst als Ergebnis eines Kampfes zustande kam, und zwar eines Kampfes gegen die Auffassung, Kultur sei nur das, was man unter bürgerlicher Kunst im weitesten Sinne verstehen kann.

Ein neues Buch, Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, rekonstruiert die Phase der akademischen Öffnung zur Alltagskultur in der englischen Gesellschaftswissenschaft der fünfziger und sechziger Jahre. Es porträtiert zunächst vor allem die Autoren der so genannten Birmingham School (Raymond Williams, Edward P. Thompson, Richard Hoggart und Stuart Hall), die im Sinne eines linken Labour-Engagements die Alltagkultur, die "wirkliche Welt der Leute", zum Gegenstand einer fröhlichen Wissenschaft erhoben.

Erstmals wurden hier kulturindustrielle Massenprodukte als Kulturträger ernst genommen. Bis dato, selbst noch in der kritischen Theorie der Frankfurter Prägung, hatte man schnell den Begriff des Trivialen bei der Hand, um sich von Aspekten der Massenkultur abwenden zu können. Als Konsequenz aus der Kartierung der gesamten Kultur nach klassenspezifischen Gesichtspunkten wandte sich dagegen die Birmingham School entschieden den populären Formen der Literatur zu, vor allem aber der Musik und dem Film.

Auf der einen Seite gab es nun die alte, schriftorientierte, "hohe", die "Hegemonialkultur" (Gramsci), auf der anderen, der guten Seite, die irgendwie dagegen gerichtete, widerständige "populäre" Kultur. Der Letzteren trauten die Birmingham-Autoren heroische Widerstandskräfte gegen den kulturellen Konformismus und ein schier unerschöpfliches Veränderungspotenzial zu. Es war die hohe Zeit der Kultursoziologie. Deren fatale Illusion bestand allerdings darin, eine Kultur für alle an der Stelle der "elitären" bürgerlichen Kunstformen vorzusehen.

Das Buch beansprucht, dem "Anything goes" der Kulturwissenschaften eine gesellschaftspolitisch engagierte, "aktivistische" Variante des Denkens entgegenzusetzen. Wie antiquiert aber heute viele Sprachregelungen jener Forschungsrichtung wirken, lässt sich an Begriffen ablesen wie der "wahren Individualität" oder der "Solidarität" als "wahrer Basis der Gesellschaft" (Raymond Williams).

Eine Sprache wie aus fernen Zeiten