Den vermutlich jüngsten Fall von Wirtschaftsspionage - die Affäre um die Ausschreibung für den Berliner Großflughafen - konnte Udo Ulfkotte, Autor von Marktplatz der Diebe, noch nicht berücksichtigen. Aber ansonsten ist das soeben bei Bertelsmann erschienene Werk (320 Seiten) schon eine Art Brevier für alle, die an solchem Stoff interessiert sind. Und das sollten durchaus auch die Unternehmen sein. Denn Ulfkottes Buch macht die Gefahr deutlich, dass "Wirtschaftsspionage deutsche Unternehmen ausplündert und ruiniert".

Zwar sind die konkreten Belege dafür, wie dieses oder jenes Unternehmen "ruiniert" worden sei, eher dünn. Und dass Wirtschaftsspionage jährlich Zehntausende Arbeitsplätze vernichte, beruht auch nur auf uralten Schätzungen, die den Spionageschaden (heute angeblich 20 Milliarden Mark jährlich) mangels konkreter Zahlen immer weiter fortschreiben. Diese Mängel, die gewissermaßen gewerbebedingt und daher nicht Ulfkotte anzulasten sind, schmälern den Nutzen der Lektüre jedoch nicht. Dank gründlicher Recherche hat der Autor nämlich viele Details zusammengetragen, die so nirgends zu lesen sind.

Fest steht jedenfalls: Nachdem das Ende des Kalten Krieges den östlichen wie den westlichen Geheimdiensten partiell die Basis für ihre Schnüffelarbeit entzogen hat, haben sie ihre Aktivitäten zunehmend auf die Hochtechnologien der Industrieländer ausgeweitet. Dies teilweise sogar offiziell im Staatsauftrag, wie man sowohl aus amtlichen Quellen der USA als auch Russlands weiß. Auch die US-Geheimdienste beliefern ihre Unternehmen ganz ungeniert mit geklauten Informationen der ausländischen Konkurrenz. Noch schwerwiegender ist, dass sich amerikanische, britische und französische Wirtschaftsspione bei deutschen Unternehmen die Klinke in die Hand geben und Berlin untätig zuschaut. Zwar wird hier und dort schon mal ein russischer Spähtrupp ausgehoben. Doch was die befreundeten Dienste in der Bundesrepublik treiben, davor verschließen Regierung und Abwehr die Augen. Auch die Unternehmen selbst tun zu wenig, um sich besser zu schützen.

Schon aus rechtsstaatlichen Gründen wird man in Deutschland gewiss nicht so weit gehen können, die Nachrichtendienste zu ermuntern, im Staatsauftrag die Konkurrenz der deutschen Industriekonzerne auszuspähen, um das erworbene Wissen dann an die Unternehmen weiterzugeben. Amtliche Interventionen in Paris, London und Washington könnten aber nicht schaden. Auch könnte man deutschen Firmen, die Opfer ausländischer Spione geworden sind, den notwendigen Rechtsschutz gewähren, ohne den sie - vornehmlich in den USA - kaum Chancen haben, dass ihre Interessen gewahrt werden.

Wie es dort zugeht, hat Aloys Wobben, Gründer der niedersächsischen Firma Enercon (Hersteller von Windkrafträdern), Autor Ulfkotte ausführlich berichtet, auch wie er - erfolglos - Gerhard Schröder bat, sich bei Clinton für ihn zu verwenden.

Udo Ulfkotte: Marktplatz der Diebe C. Bertelsmann Verlag, München 1999 320 Seiten, 42,90 DM