Als die DDR gegründet wurde, war ich zehn Jahre alt und 50, als sie in ihr letztes Jahr eintrat. Mit dem Rückblick auf dieses Land verbindet sich für mich die Erinnerung an meine jungen Jahre, an die Familie, an die jetzt erwachsenen Kinder, an die Zeit, da ich noch unbefangen in eine lange Zukunft von vielen Jahren träumen konnte, ohne sofort an körperlichen Verfall und das unausweichliche Ende zu denken. Ich gehöre zu der Generation, die ihr bewusstes Leben zum größten Teil in diesem Land, in seinem engen Rahmen verbracht hat. Ich habe Erfahrungen aus der Zeit davor, und mir war eine Zeitspanne danach gegeben - beides macht es möglich, heute über mein Verhältnis zu diesem Staat ohne Bitterkeit nachzudenken und vom Ende her ein historisches Urteil zu fällen. Einem Westdeutschen ist das so nicht möglich, weil für ihn die Vergangenheit seines Staates Gegenwart ist. Meine Beziehung zur DDR ist mit dem Verhältnis vergleichbar, das der Thomas Mann des Zauberbergs zum Kaiserreich hatte: ferne Erinnerung und dabei doch das ganze eigene und noch unlängst gelebte Leben.

Ich habe der DDR gegenüber keinerlei nostalgisches Sentiment. Auch nach zehn Jahren ist da keine besonnte Vergangenheit entstanden. Unter der geistigen Enge der DDR habe ich stets gelitten - die materielle Knappheit war für mich weniger drückend. Und ich kann genügend Zeugen aus Freundeskreis und beruflicher Umgebung benennen, die ähnlich empfinden. Die wachsende Schar derer, die mit der DDR offenbar ein besseres Deutschland vergangen sehen, bringt mich nicht von meiner Meinung ab: Ich will nicht bestreiten, dass es Menschen geben mag, die sich in der DDR unbedrückt fühlten; größer erscheint mir allerdings die Zahl derer, die aus Opposition gegen die neue Bundesrepublik die Erinnerung an ihr damaliges Leben nachträglich vergolden.

Es war das "Volksbildungssystem", das Imperium der Margot Honecker, das unseren Kindern den Einstieg in die DDR-Gesellschaft so vergällt hat, dass sie, später als Jugend, jede Ferienwoche zu Abenteuertouren in die östlichen sozialistischen Länder nutzten und als Erwachsene in den Westen strebten. Schule und Ausbildung waren in den späteren Jahren keineswegs brutal oder terroristisch. Nur waren die sozialistischen Ideale innerlich aufgegeben und galten nur noch in Lippenbekenntnissen, während die zugehörigen Sekundärtugenden, nämlich Disziplin, Ordnung und Beachtung der "Normen des sozialistischen Zusammenlebens", mit zäher, bürokratischer Hartnäckigkeit und quälender organisierter Langeweile erzwungen wurden. Beispiele zu nennen, erspare ich mir hier.

Wir haben übrigens Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen erlebt, zu denen die Kinder durchaus Vertrauen und Zuneigung empfanden und die eine Ahnung davon vermittelten, wie Pädagogik den schwierigen Weg ins Leben begleiten könnte (das ist der Titel eines Buches von Makarenko aus der begeisterten Frühzeit der Sowjetunion). Diese Pädagogen ließen das ganze muffige Theoriegebäude weitgehend unbeachtet und handelten dabei subversiv, indem sie die Bildungspläne nur den Buchstaben nach erfüllten und sich im Übrigen ihren Schutzbefohlenen emotional zuwandten. Eine überzeugende geistige Ausbildung vermitteln sie so natürlich nicht. Überdies waren sie eine Minderheit.

Für junge Menschen mit ihrem Anspruch auf die Einheit von Überzeugung und Haltung war es desillusionierend, wie das antifaschistische Gründungsmotiv der DDR zur ideologischen Hohlform verkam. Nur ein Beispiel: Die minenfeldbewehrte Mauer, die das Land und seine Hauptstadt zur geschlossenen Welt machte, hieß "antifaschistischer Schutzwall". Wie immer man zu den Gründen stand, die zum Bau und zum Bestand dieses Gebildes geführt hatten - diese Bezeichnung war so offensichtlich verlogen, dass sie sogar den Antifaschismus diskreditierte. So provozierte die Berufung auf den Antifaschismus entweder gähnende Ablehnung, oder sogar faszinierte Hinwendung zu rechtsradikalen Ideologemen. Bereits zu Zeiten der DDR gab es in der Bevölkerung latenten Antisemitismus und Verherrlichung des Nationalsozialismus, und nach ihrem Ende fanden die ideologischen Prediger, die aus dem Westen zu uns kamen, einen vorbereiteten fruchtbaren Boden. Es gehört zu meinen bittersten Erfahrungen seit der deutschen Vereinigung, dass gewalttätiger Fremdenhass aufgekommen ist, und es bekümmert mich, dass die Erziehung der DDR dagegen nicht wirksam immunisiert hat.

Ein wesentlicher Teil meiner DDR-Sozialisierung bestand darin, das berühmte orwellsche double-speak zu erlernen und auch meine Kinder darin auszubilden. Was im privaten Bereich gesagt und gedacht wurde, war grundverschieden von dem, was wir öffentlich zeigten. Nicht dass in der Schule und Universität ständig massiv geheuchelt wurde - man kam ganz gut zurecht, wenn man sich möglichst zurückhielt und nur das Nötigste an politischen Bekenntnissen ablieferte. Die Jungen hatten es da schwerer, weil politische und ideologische Bekenntnisse als Fakten gelehrt und ihre Reproduktion verlangt wurde. So stand alles, was sie sagten oder schrieben, gewissermaßen in Anführungszeichen: Der Marxismus-Leninismus lehrt Folgendes, und dann spulte man die Theoreme ab. Zu Hause wurde dann gelernt, was daran zutraf und was falsch oder verlogen war, aber das verschwieg man naturgemäß in der Schule.

Diese Lebensweise ermöglichte uns eine innere geistige Unabhängigkeit. Über verschiedene, meist illegale oder inoffizielle Quellen verschaffte ich mir die Schriften von Heidegger, Merleau-Ponty, Sartre, Adorno, Horkheimer und studierte sie aus der Sicht des Marxismus und gegen diesen. Wir führten private Seminare über die krisenhafte Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion durch, die uns schon viele Jahre vor dem Herbst 1989 vom drohenden Kollaps dieses Systems überzeugten, ohne dass wir daraus Aktionen abgeleitet hätten. Erst im letzten DDR-Jahrzehnt wurde mir (auch unter dem Einfluss neuer Freunde aus Polen und anderen Ostblockländern) klar, dass das Leben im geistigen Schneckenhaus trotz der Ablehnung des Systems dieses durch schweigendes Funktionieren stabilisieren half. Die Erkenntnis kam spät, und ich schreibe mir heute eine Mitschuld daran zu, dass ich 40 Jahre alt wurde, bevor ich aus der Selbstfesselung ausbrach, und 50 Jahre, bevor die ganze Gesellschaft sich befreite.