Per E-Mail flehten die Japaner ihre Atomfreunde in aller Welt um Rat an: " Criticality accident occurred - Urgent!!! " hieß es in der Betreff-Zeile; was folgte, war ein Dokument der Hilflosigkeit. Es war das Ärgste eingetreten, was Kerntechniker fürchten: eine unkontrollierte Kettenreaktion. Arbeiter hatten eine in Wasser gelöste Uranverbindung in einen Absetztank gekippt; sie füllten den Behälter, der ungefähr die Ausmaße eines kleinen Bierfasses hat, bis zu einer Höhe von 25 Zentimetern. Hätte es sich um normal angereichertes Uran gehandelt, wie es Tag für Tag in dieser Anlage zu Brennstoff verarbeitet wird, dann wäre nichts passiert.

Hätte, wäre! Doch diesmal war es ziemlich hoch angereichertes Uran; der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U-235 an der gesamten Uranmenge betrug 18,8 Prozent - mehr als das Sechsfache des üblichen Anreicherungsgrades. Die Flüssigkeit diente der Fertigung von Brennstoff für den Versuchsbrüter Joyo. Wenn von solchem Zeug auch nur ein paar Pfund zusammenkommen, kann eine Kettenreaktion von Atomspaltungen beginnen, die sich eine Zeit lang von allein aufrechterhält: Neutronen spalten Atomkerne, wobei genügend Neutronen frei werden, um weitere Atomkerne zu spalten, und solange sich dabei die Zahl der Spaltungsneutronen erhöht, spricht man von "Kritikalität". Dieser gefürchtete Zustand ist in Tokaimura aufgetreten: Er begann mit einem Energiemaximum, angezeigt von der charakteristischen Cerenkov-Strahlung ("blauer Blitz"); die Wärmeentwicklung ließ sodann die Brühe aufkochen, was die Kettenreaktion wieder dämpfte. Doch jedes Mal, wenn die Blasenbildung zurückging, wurde im Topf erneut Kritikalität erreicht. So ging das hin und her, die Techniker gerieten in Panik.

Wieso wussten die Arbeiter nicht, womit sie hantierten?

Der Absetztank wurde unten und seitlich mit Wasser gekühlt, was im Prinzip vernünftig ist, denn es tritt auch im normalen Verfahren Spaltungswärme auf. Die Wasserkühlung funktionierte allerdings auch als "Neutronenreflektor"; die Anwesenheit des Wassers erhöhte die Zahl der zur Kernspaltung fähigen Neutronen. Es abzupumpen wäre die logische Schlussfolgerung gewesen - doch die Japaner schreckten davor zurück. Sie hatten offenbar Angst, dass die Brühe dann erst richtig kochen und verdampfen würde, und sie wussten noch etwas anderes: Das Gebäude war nicht dicht. Es mit Unterdruck abzudichten war nicht möglich. Also kühlten die Ingenieure den Topf in ihrer Verzweiflung 20 Stunden lang weiter - und hielten damit zugleich die Kettenreaktion aufrecht.

Als sie schließlich dem Rat aus dem Ausland folgten und das Wasser abließen, brach der Prozess eine Stunde später zusammen. Nun kippten beherzte Retter doch noch irgendwie 20 Liter Borsäure hinein, und die Höllensuppe beruhigte sich.

Wieso wussten die Arbeiter nicht, womit sie hantierten? Gab es für diese ungewöhnlich gefährliche Substanz kein spezielles Gefäß mit unfallsicheren Abmessungen? Schließlich haben es Geometrie und die Größe des Topfes erst erlaubt, dass eine kritische Masse zusammenkam. Und weiter: Wieso waren keine Automaten für den Haveriefall installiert, warum gab es keinen Alarmplan, weshalb war das Gebäude undicht, und wieso war außerhalb der Atomanlage niemand auf einen Unfall vorbereitet?

Auf alle diese Fragen gibt es letztlich nur eine Antwort: Sicherheit wurde in Tokaimura nach dem Prinzip "Wird schon gut gehen" behandelt. Das überrascht kaum. Deutsche Kerntechniker berichten seit Jahren davon, dass ihre japanischen Kollegen auf alle Bemühungen, Nukleartechnik katastrophenfest zu machen, mit Unverständnis reagieren: Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls sei doch verschwindend gering, und wenn alle aufpassten, würde auch nichts passieren.