Die Herren in dunklen Anzügen und einige wenige Frauen, die sich am Donnerstag vergangener Woche im Konferenzsaal E2 bei der Deutschen Bank in Frankfurt trafen, bewegen Milliarden. Mehr als 200 Fondsmanager, Finanzanalytiker und Aktienhändler international tätiger Banken und Investmentfirmen gaben sich ein Stelldichein - um an einem Psycho-Test teilzunehmen.

Das Ergebnis war ernüchternd. Denn am Ende standen die hoch bezahlten Spezialisten da wie eine Herde Schafe, die sich, von Instinkten und reflexhaftem Handeln geleitet, spielend leicht an der Nase herumführen lässt. Ausgerechnet von Universitätsprofessoren, den egg-heads , die nicht mehr an der Börse anlegen als das, was von ihrem bescheidenen C4-Gehalt übrig bleibt, ausgerechnet von ihnen mussten sich die Praktiker von der Front bescheinigen lassen, dass sie nicht mit mehr Verstand Entscheidungen fällen als die Studenten der Herren Hochschullehrer.

Unter Profis wie Kleinanlegern verbreitet ist auch die nachweisbar vermögensschädigende Neigung, ausgerechnet an den Aktien hartnäckig festzuhalten, die Verluste bescheren. Schon bei einem kleinen Kursgewinn werden dagegen selbst vielversprechende Papiere eilig abgestoßen. Der Grund für diesen so genannten Dispositionseffekt: Die Anleger richten ihr Handeln unvernünftigerweise danach aus, ob der Kurs ihrer Aktien gerade unter oder über dem ursprünglichen Kaufpreis liegt. Notiert ein Papier niedriger, so zeigen sich die Anleger weit risikofreudiger als im umgekehrten Fall. Sie klammern sich an die einmal getroffene Investitionsentscheidung, ignorieren sogar dieser widersprechende Nachrichten und scheuen sich, ihre Aktien im Minus zu verkaufen. Denn damit würden sie sich einen Fehler eingestehen, oder - wie es an der Börse entlarvend heißt - sie würden "Verluste realisieren".

"Magisches Denken" prägt das Auf und Ab der Kurse

Die Forschung, bei der Ökonomen, Soziologen und Psychologen Hand in Hand arbeiten, hat eine ganze Fülle solcher Verhaltensauffälligkeiten zutage gefördert, die den typischen Börsianer als reichlich verwirrten Menschen erscheinen lassen. Manche Laien mag das nicht erstaunen, weil sie schon immer zu ahnen glaubten, dass "die an der Börse alle verrückt sind". Doch für Wirtschaftswissenschaftler gilt in vielen Fällen immer noch der völlig rationale Homo oeconomicus als das zwar bewusst vereinfachende, dafür aber umso erfolgreichere Modell zur Analyse der Wirklichkeit.

Dieser Übermensch handelt denn auch stets zielstrebig, er wägt Kosten und Nutzen ab und versucht seinen eigenen Vorteil zu maximieren. Die Pioniere der behavioral finance vertreten dagegen den Standpunkt, dass die Abweichungen von diesem Standardmodell, die "Anomalien", so bedeutsam seien, dass psychologische Erkenntnisse stärker genutzt und Modelle begrenzter Rationalität weiterentwickelt werden müssten.

Wie weit man sich dabei womöglich von dem Vernunftsmodell entfernen muss, lässt das besonders düstere Bild erahnen, das Robert Shiller, Ökonomieprofessor in Yale, von den Akteuren an den Kapitalmärkten malt. Er vergleicht sie mit einer Schar Tauben aus einem berühmten Experiment des Sozialpsychologen Burrhus Skinner aus den vierziger Jahren. Skinner hatte seine Labortiere zuerst ausgehungert, um ihnen dann in festen Zeitintervallen von 15 Sekunden kleine Mengen Futter zu geben. Die Vögel glaubten daraufhin, dass ihr eigenes Verhalten die plötzliche Nahrungszufuhr ausgelöst habe. Eine Taube, die sich zu Beginn der Fütterung gerade umgedreht hatte, begann fortwährend zu rotieren, eine andere hackte auf einer bestimmten Stelle des Käfigs herum - im Glauben, das weitere Körnerangebot zu steuern. Magical thinking nennen das die Experten.