Die Auswirkungen der Kettenreaktion reichten bis Deutschland: Der Unfall in der Uranfabrik Tokaimura fachte umgehend die deutsche Debatte über den Atomausstieg wieder an. Das Projekt, das besonders die Bündnisgrünen ihrer Klientel schuldig zu sein glauben, drohte schon zum öffentlichen Ärgernis zu werden: zu viel Streit zwischen Umweltminister Jürgen Trittin und seinem Kabinettskollegen Werner Müller; hinhaltender Widerstand der Stromkonzerne; schwindende Unterstützung im Volk; und wachsende Zweifel der Fachgemeinde. Der Schock von Tschernobyl ist lange her.

Am Tag vor dem Unfall im fernen Japan vermeldete das Institut für Demoskopie Allensbach, nur noch 11,8 Prozent der Bevölkerung seien Atomkraftgegner. Und mehr als 500 Wissenschaftler mahnten die Regierung, ihren Ausstiegskurs noch einmal zu überdenken. Der Professorenwunsch könnte schneller als erwartet in Erfüllung gehen - allerdings anders, als von den Verfassern des Memorandums erhofft.

Schon 1991 hatte der von Umweltschützern gern zitierte Club of Rome "schweren Herzens" dafür plädiert, "die Option auf die Kernspaltung offenzuhalten, da diese vermutlich weniger gefährlich ist als die Verbrennung von Öl und Kohle". Die Verfeuerung dieser fossilen Energien setzt bekanntlich Kohlendioxid (CO2) in die Erdatmosphäre frei und steht in dem ernsthaften Verdacht, das globale Klima zu verändern. Unter diesem - vor allem von der reichen Minderheit verursachten - Klimawandel hätten besonders die Habenichtse auf dem Planeten zu leiden.

Das Rezept lautet: Energie sparen und dezentralisieren

Wer vor diesem Hintergrund aus der riskanten, aber CO2-freien Atomenergie aussteigen will, muss deutlich machen, wie die Energienachfrage umweltverträglicher befriedigt werden kann. Mittlerweile ist das mehr als eine nur moralische Verpflichtung. Bei der UN-Klimakonferenz in Kyoto haben sich die Industrieländer förmlich verpflichtet, ihren CO2-Ausstoß zu begrenzen. Deutschland muss seine Emissionen bis um das Jahr 2012 gegenüber 1990 um rund 21 Prozent verringern.

Das ehrgeizige Ziel zu erreichen wird nicht einfacher, wenn die 19 hiesigen Meiler abgeschaltet werden. Bei weltweit mehr als 400 Kernkraftwerken mindert dies die Gefahr eines schweren Atomunfalls kaum. Sowohl ein Super-GAU als auch der Klimawandel wären Ereignisse von globaler Dimension. Deshalb lautet die entscheidende Frage: Ist ein Verzicht auf die Nuklearenergie möglich, ohne die Atmosphäre verstärkt mit Klimagasen vollzupumpen?

Der Weltenergierat (WEC) hat im vergangenen Jahr eine umfassende Studie über die globalen Energieperspektiven vorgelegt. Daraus geht zweierlei hervor. Erstens: Wie der Energiebedarf einer gewachsenen Weltbevölkerung in der Mitte des kommenden Jahrhunderts gedeckt werden kann, ist politisch gestaltbar; der WEC entwirft dazu verschiedene Szenarien. Zweitens: Das Szenario mit dem geringsten CO2-Ausstoß ist nicht nur die billigste Variante; sie kommt auch mit dem geringsten Nuklearanteil aus. Möglich wird dieses überraschende Ergebnis durch die Dezentralisierung der Energieversorgung, durch die forcierte Erschließung erneuerbarer Energien und durch die effiziente Energieverwendung beim Endverbraucher.