Das Studium zeigte den Weg auf: Eigentlich hätte der Maschinenbau-Ingenieur Walter Wincheringer sein Leben lang am Computer sitzen sollen. Er hätte am CAD-Tisch Bauteile für Autokarosserien, Waschmaschinen oder Motoren konstruiert, die andere später produzieren und verkaufen würden. Ein Techniker und Tüftler wäre er gewesen, ein klassischer Ingenieur eben. Aber Wincheringer, heute 36 und promoviert, genügte das nicht. Er wollte näher an das Produkt, an den Kunden und an den Markt.

Gut für den ausgebildeten Konstrukteur, dass der sich verändernde Arbeitsmarkt für Ingenieure seinen Zielen entgegenkam. Heute ist er Bereichsleiter Anlagenwirtschaft und Produktion bei einem der größten Sekthersteller Deutschlands: Bei der Henkell und Söhnlein Sektkellereien KG in Wiesbaden präsentiert er der Marketing-Abteilung neue Produkte, ist mitverantwortlich für Organisation, Qualitätssicherung und Personalführung. "Das im Studium erworbene Fachwissen ist nicht mehr so wichtig", sagt Wincheringer, "eher muss ich komplexe Sachverhalte einfach darstellen können. Als einziger Ingenieur bin ich bei uns im Hause aber immer noch ein Exot."

"Heute brauchen Ingenieure betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse", sagt IPA-Chef Prof. Dr. Engelbert Westkämper, "früher hat ein Kaufmann versucht, dem Kunden zu erklären, was Technik ist. Heute wollen die das genauer wissen, am besten von einem Fachmann erklärt haben. Unsere Assistenten und Doktoranden zum Beispiel müssen lernen, ihre Leistungen selbst zu verkaufen." Ingenieure, die mehr als konstruieren können, sind gefragt - als Manager oder Präsentationsfachleute, im technischen Vertrieb oder im Verkauf.

Vor allem kaufmännisches Wissen ist immer wichtiger

Längst gibt es entsprechende Studiengänge: An der FU Berlin kann man sich etwa zum Vertriebsingenieur ausbilden lassen, an der Universität Stuttgart ist der "Diplomingenieur - kaufmännisch orientiert" im Aufbau.

Vor allem die kaufmännischen Grundlagen spielen eine immer größere Rolle. Nach einer Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) fordern die meisten Unternehmen inzwischen Zusatzkenntnisse in Betriebswirtschaft, Projektmanagement, Marketing und Vertrieb von den Technikern. Erwartet werden von den Bewerbern auch soft skills, soziale Fähigkeiten: Teamarbeit, Personalführung und der richtige Umgang mit Kunden und Kollegen (siehe Grafik auf Seite 77).

Dennoch ist die marktorientierte Ausbildung an den meisten Ingenieurfakultäten immer noch ein Problem, der interdisziplinär arbeitende und flexibel denkende Student ist immer noch eher eine Seltenheit. "Wir wünschen uns, dass die Leute in allen Gebieten befähigt sind", sagt IPA-Chef Westkämper, "es dominiert aber immer noch der Technik- oder auch Computer-begeisterte Typ. Wir müssen versuchen, die Leute zu verändern, aber das Geschehen am Markt ist nicht jedermanns Sache. Die Vorbereitung - etwa das Trainieren von Präsentationstechniken, Teamarbeit und Verhalten dem Kunden gegenüber - ist wahnsinnig schwer."