Es ist ein Wahlkampf für Leseschwache. Um zwei Worte dreht sich alles: "Für" und "Berlin". "Berlin für alle." PDS; "100 % Berlin", CDU; "Für Berlin: Wir kämpfen!", SPD . Als ob es gerade jetzt keine anderen Themen gäbe: Da ist der Hauptstadtauftakt, vital und chaotisch. Die Metropole versteht sich als die "aufregendste Stadt der Welt", und den Parteien fallen nur Gemeinschaftsslogans und Ortsbeschwörungen ein. Allerdings, für Freunde der Ambivalenz sind Zwischentöne der Sprachlosigkeit hörbar. Durch die SPD-Parole schimmert pure Verzweiflung: "Wir kämpfen" muss heißen: Wir kämpfen trotzdem. Denn die CDU könnte zum ersten Mal seit Kriegsende die absolute Mehrheit erobern; außerdem spürt die SPD den heißen Atem der PDS im Nacken.

Bekommt sie eine Abfuhr, kann sie sich nicht allein auf den Bundestrend herausreden. Gleichwohl steckt auch sie in der Gerechtigkeitsfalle und bekommt die volle Wut der Sozialstaatsklienten ab. Zudem hat sie einen Wahlkampf im Stile von Absurdistan geführt. Bei der Urwahl Anfang des Jahres setzte sich Walter Momper als Kandidat durch. Er trat als Zweitschröder auf, als rot-grüner Pragmatiker, der die Partei aus der verhassten Großen Koalition herausführen will - ein "schwerer Anfangsfehler", sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Böger. Denn die CDU konnte so alle Regierungserfolge für sich buchen. Dann kamen die "Fehler" (Momper): Mitten im Streit um die 630-Mark-Jobs gab er zu, dass er seine Hausangestellte auch auf diese Weise bezahlte. Auf Plakaten sah man ihn im Kapitalistenzwirn gegenüber servilen Blaumännern: "Um Arbeit kümmert sich der Chef". Gleichzeitig redete die SPD über einen Kandidatenwechsel. Die CDU plakatierte derweil Bären, die sich nicht von Rot-Grün jucken lassen. Jetzt aber setzt sie Eberhard Diepgen voll in Szene; zur gleichen Zeit überklebt die SPD zum Entsetzen ihrer wenigen Anhänger den Versager Momper. Diepgen und der Generalsekretär Klaus Landowsky wiederum plädieren nun plötzlich für die Große Koalition. Da fragt sich der Außenstehende verwirrt, in was für ein politisches Biotop er geraten sei. Was ist das für eine politische Elite, die sich eine derart seltsame Wahlfolklore leistet?

Diepgen kann zu Recht darauf pochen, daß die Große Koalition den "Aufbau Ost" durchgesetzt und zugleich den Westberlinern den Verzicht auf den "Ausbau West" abgenötigt hat. Ihr gelang eine stadtverträgliche Planung des Regierungsviertels, die die Hauptstadtentscheidung unumkehrbar macht. In letzter Minute schaffte sie es, einen gesamtstädtischen Plan zur Stadtrekonstruktion zu verabschieden. Nur die Große Koalition war in der Lage, den gordischen Knoten der Bezirksreform zu zerschneiden und die Festungen der Bezirksfürsten aufzubrechen.

West-Berlin war eine ÖTV-Stadt mit dem öffentlichen Dienst als größtem Arbeitgeber und dem ÖTV-Chef als eigentlichem Machthaber. Zusammen mit den riesigen städtischen Versorgungsbetrieben versteckten sie strukturelle Arbeitslosigkeit der Stadt. In den Augen von Thomas Krüger, dem ehemaligen Jugendsenator aus Ostberlin (SPD), war "Westberlin eine Variante des real existierenden Sozialismus". Die typische Politikerkarriere: "Bezirksverordneter, Stadtrat, Abgeordneter und dann Aufsichtsrat in den Wasserbetrieben."

Diese öffentlichen Betriebe gehörten zur Reproduktions- und Rekrutierungsbasis der politischen Elite. Danach war diese auch: Die Stadtpolitik, sagt der frühere Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU), kranke vor allem an "einer dramatischen Überschätzung von Verwaltung und Politik". Die Leistung der Großen Koalition war, dass sie die Privatisierung auf den Weg brachte und damit eine epochale Strukturveränderung einleitete. Hassemer spricht von der "Entstaatlichung der Politik".

Aber man kann weiter gehen: Berlin war seit Jahren das Modell für die politische Wende, um die sich Schröder und Eichel stets bemühen. Als die neue Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing aus Hessen 1995 antrat, machte sie sofort Kassensturz und konfrontierte die Stadt mit deren dramatischer Verschuldung. Berlin war nach der abrupten Streichung der Bundessubventionen (der Hälfte des Haushaltes) finanzpolitisch am Ende. Die Senatorin leitete einen unverblümten Konsolidierungs- und Sparkurs ein, nicht als "sozial kalte" Sparkommissarin, wie die CDU sie gern diffamierte, sondern geradezu als Moralistin, die es "verwerflich" fand, kommende Generationen zu belasten. Für sie ist "Sparen auch die Chance der politischen Phantasie" - Vorschläge für andere Ressorts hat sie genug. Natürlich muss sie das "Tafelsilber" verkaufen, was denn sonst? Aber das Erstaunliche war: In den Jahren 96/97, als über den Sparkurs gestritten wurde, stieg die Zustimmung zur SPD erheblich an. Die Berliner honorierten Klartext, und die Senatorin ist noch heute eine hoch anerkannte Politikerin. Für sie hat es eine Mentalitätsänderung der Stadt gegeben. Aus der früheren Subventionopolis, aus einer Kommune, in der die Mehrheit aus betroffenen Minderheiten besteht, abhängig vom staatlichen Tropf, wächst nun "Gemeinsinn und Selbstverantwortung". Klaus Böger beklagt zu Recht, dass Eichel/Schröder "sich zu wenig um die Berliner Erfahrungen bemüht haben".

Aber die Große Koalition ließ sich keineswegs von diesen Leistungen beflügeln: Beide Parteien stritten sich chronisch, trotz ihrer gemeinsamen Erfolge. Diepgen und Landowsky beklagten - wie die SPD-Linke gegenüber Schröder - die soziale Schieflage der Sparpolitik. Und SPD-Politiker konnten auf Parteitagen jammern, dass die Große Koalition nichts bringe. Will man die Berliner Politik und ihre Elite verstehen, muss zweierlei erklärt werden: Erstens, warum sie so ist, wie sie ist, und zweitens, warum sie dennoch so lange überleben konnte. Diepgen hat zwar Recht, wenn er stöhnt, dass "Landespolitik immer auch Kommunalpolitik war", und Fugmann-Heesing kritisiert mit Grund das Milieu der "vierzigjährigen Männerfreundschaften". Aber um zu begreifen, warum die politische Klasse überflüssig wird, muss man vor allem in die Geschichte der Mauerstadt zurückblicken.