Nun wird man ja vielleicht auch mal von Literatur reden dürfen. Vom Schriftsteller Günter Grass. Der verschwand hinter all dem Geschnatter und Gekakel von ESPEDE und Willy Brandt, Mutlangen und Treuhand. Ausgezeichnet aber wurde ein Werk, das seine Spuren in der zeitgenössischen Weltliteratur hinterließ. Ausgezeichnet zumal - anders als im Falle Thomas Mann, der zu seiner Kränkung den Nobelpreis nur für die Buddenbrooks erhielt - mit einer wohlgefeilten Charakterisierung der Lebensleistung. "Whose frolicsome black fables portray the forgotten face of history." Was ist das Besondere daran?

Das Höllengelächter des Günter Grass ist aufs empfindlichste komponiert. Entgegen dem ewigen Missverständnis vom "Kraftkerl" und "Temperament" - ähnlich falsch wurde schon Genet gelesen, gleichsam als verbale Orgie; übersehen dabei das hoch artifizielle Proust-Palimpsest - ist Grass' Wortakrobatik nach einer raffinierten Architektur gebaut. Ihr Impuls ist Sehnsucht und Angst. Ihr Geheimnis ist die Predigt. Daher die wundersam "seltsame" Mischung aus Flehen und Drohen, aus Bitte und Gepolter. Man zähle die dräuenden, oft Schwärze annoncierenden "Wenn"-Konstruktionen schon im ersten Gedichtband Die Vorzüge der Windhühner , man höre den immer anklingenden, fast eschatologischen Ton "Eines Tages ...", "Als die Pause überwunden schien ...": "Freitags krönten sie den König. / Von Geburt her blinde Nelken, / mit dem Atem einer Kröte, / mit dem blauen Gasometer, / Mitternacht und Mandelscheitel, / Vorstadt um Jerusalem."

Nun lese man einmal nach - im Kapitel IX von Katz und Maus die Szene des kommunizierenden Mahlke; in der Blechtrommel das schrecklich schöne Kapitel, in dem Oskar seine Blechtrommel dem Jesusknaben der Herz-Jesu-Kirche leiht -, wie Grass Demut in Blasphemie verwandelt: Dann wird seine geradezu zeremoniöse Gebärde des säkularen Predigers deutlich. So ist die Welt, so möge die Welt nicht sein. Das verrät nicht lediglich sein Wortgerüst aus "Propheten", "Lamento", "die letzte Predigt", "Bräute Christi" - das verrät deutlicher noch seine dramaturgische Perfidie, mit der er sein Publikum (die Gemeinde?) bindet.

Stets - dies ein weiteres Bauelement seines literarischen Dombaus - höhlt Grass vorgegebene Formen aus, um sie neu zu füllen. Ob er im großen Wurf den pikaresken Roman neu erfindet oder im Kleingeld der Wahlreden verbrauchte Währung ummünzt (Ich klage an ; Des Kaisers neue Kleider ; Dich singe ich, Demokratie), also von Ufa-Film bis Walt Whitman bewährte Appellformen ver-wendet: Der Grass ist ein Rosstäuscher, der es fertig bringt, ein Pferd zu färben - aber es bleibt ein veritabler Rappe. Ein Zauberer (so wurde Thomas Mann von seinen Kindern genannt), der unendliche Tricks beherrscht; doch zum guten Ende hin ist die zersägte Frau eine Frau, und das Kaninchen lebt. "Selbstimitator" nannte Walter Jens das in einer frühen Schelte der Hundejahre, "der Roman ist misslungen". Nun ja. Auch Matisse, von dessen Tanz es vier Variationen gibt, wäre da Selbstimitator; oder Chardin mit seinen manchmal fast identischen Bildern.

Indes sich Grass in Wahrheit in seinen Büchern versteckt. Man kann es wohl geradezu ein Spezifikum der Grass-Prosa nennen, dass der Autor "wegtaucht", wie er es einmal nannte. "So viel ist gewiß", heißt es in der Rede auf seinen maître pen s eur, "Döblin wußte, daß ein Buch mehr sein muß als der Autor, daß der Autor nur Mittel zum Zweck seines Buches ist." Und die Rede endet mit jenem Manifestsatz, der von der Kampfkraft der Taubenflügel kündet: "Sein wir uns dessen bewußt: Das Gedicht kennt keine Kompromisse; wir aber leben von Kompromissen. Wer diese Spannung aushält, ist ein Narr und ändert die Welt."

Wohl wahr. Es ist der Gegensatz von Wirklichkeit und Wahrheit. Die Wirklichkeit ist "unwahr". Da Grass - er ist ja ein ungläubiger Priester - keine Paradiese verkünden kann, kündet er von dieser diffizilen Dialektik, in der Wirklichkeit und Wahrheit sich gegenseitig aufheben; durchaus im hegelschen Doppelsinn von Vernichten und Bewahren:

"Ein amerikanischer Flugzeugträger / und eine gotische Kathedrale / versenkten sich / mitten im Stillen Ozean / gegenseitig. / Bis zum Schluß / spielte der junge Vikar auf der Orgel. / Nun hängen Flugzeuge und Engel in der Luft / und können nicht landen."