Die PDS kann den 10. Jahrestag der friedlichen Revolution feiern. Sie hat die SPD im Osten überholt, liegt bei der Sonntagsfrage zum ersten Mal mit sieben Prozent vor den Grünen und könnte in der Hauptstadt gar zur zweitstärksten Partei werden. Und nun hat auch noch einer ihrer zähesten Feinde, der sachsen-anhaltinische Oppositionsführer Christoph Bergner von der CDU, sie "eine moderne linke Volkspartei" genannt. Wer die PDS als SED-Nachfolgepartei definierte und hoffte, diese Erbschaft der DDR werde sich allmählich aufbrauchen, muss sich die Augen reiben.

Die PDS bietet Osttrotz und flotte Sprüche, Teilhabe an der Macht und Jobs für den frustrierten Teil der DDR-Intelligenz; sie bietet Parteileben, Nestwärme und Harmonie angesichts der kalten zerstrittenen Westparteien; sie bietet mit Gysi und Bisky eine allseits anerkannte Führung, die virtuos die rhetorische Davidschleuder bedient. Und sie bietet vor allem eine Politik, bei der jeder mitmachen kann. Auch der Spießer, der nichts mit Ausländern zu tun haben will, ist der PDS zugetan. Hier kann man Opposition spielen, Infostände bedienen, dogmatische Debatten vom Zaun brechen und Als-ob-Politik betreiben.

Bedenkt man dieses konkurrenzlose Angebot, fragt man sich, ob die PDS im Osten schon ihr Potenzial ausgeschöpft hat. Aber trotzdem herrscht in den Führungsetagen keineswegs Euphorie. Der sächsische Spitzenkandidat Peter Porsch stand mit seiner Warnung inmitten der Siegesfreude nach der Wahl keineswegs allein: Jetzt sei die Zeit von oppositionellem "Jux und Tollerei" vorbei. Die Appelle, sich nicht nur verbal, sondern wirklich von der SED-Herkunft zu lösen, mehren sich. Größtes Problem ist die Dominanz einer überalterten, aussterbenden Mitgliederschaft. Die CDU ist erfolgreicher bei der Jugend und hat einen weitaus besseren Zugang zu Arbeitnehmern und auch Arbeitslosen. In der PDS-Vorstandssitzung Ende Mai hielt der Parteienforscher Peter Lösche der PDS vor, sie sei eine Partei der Spießbürger, unattraktiv für moderne Schichten. Vor allem aber gibt es ein Bundesland, wo die PDS sowohl an Stimmen als auch an Zustimmung verliert: nämlich dort, wo sie mitregiert, in Mecklenburg-Vorpommern. Hier verschärfen sich auch innerhalb der Partei die Konflikte.

Zwei interne, von der PDS nicht diskutierte Papiere - Vergleich und Einschätzung der Landeswahlprogramme zu den Landtagswahlen 1999 vom Juni und Opposition richtig machen! vom August - benennen die Defizite gnadenlos: Die Landesprogramme seien "überwiegend nach innen gerichtet", in Sprache und Forderungen von der jeweiligen landespolitischen Klientel bestimmt und manchmal "für politisch interessierte Menschen nicht mehr lesbar". Unklar sei, worin sich der Schlüsselbegriff "soziale Gerechtigkeit" von dem anderer Parteien unterscheide. Es werde der Eindruck erweckt, dass "Kultur ein grundsätzlich zu alimentierender Sektor sei". Ein "Hauptproblem" sei die Neigung zu "Wunschprogrammen". Auf den jeweiligen Politikfeldern von Arbeitsmarkt- bis Verkehrspolitik "stellen wir sehr weitreichende Forderungen", die "jeden finanzpolitischen Rahmen sprengen, der auch nicht durch eine andere Steuerpolitik nach den Vorstellungen der PDS aufgefangen werden kann".

Diese illusionistische Haltung zieht sich durch alle Politikfelder. Würde die PDS etwa ihre verkehrspolitischen Ansätze ernst nehmen, hätte sie alle Autofahrer gegen sich. Trübes Fazit: Bei der Frage der Reformen gibt es eine "Glaubwürdigkeitslücke". "Bei der Verschuldungsfrage - der Kernfrage - gibt die PDS keine klaren Antworten", ja, im Thüringer Programm werden Abbau der Verschuldung und Neuverschuldung zugleich gefordert. Nun könnte man einwenden, die Leute wählten Parteien und keine Programme. Aber der programmatische Unernst vor allem in der Finanzpolitik zeigt den Autoren zufolge "schon jetzt ein substanzielles Problem, das sich weiter verschärfen wird". Gravierend erscheint, dass die PDS hinter den großen Reformfragen der Zeit, insbesondere des Umbaus des Sozialstaates, rettungslos hinterherhinkt. Das Rentenproblem ist für sie nur Seniorenpolitik.

"Die Scheinwerfer gehen an, und wir wirken hilflos und amateurhaft" - so urteilt die sächsische PDS-Arbeitgruppe in ihrem Papier. "Bisher ist es so, dass der PDS in fast allen Bereichen geringere Kompetenzen als den Altparteien zugesprochen werden." Das sei umso schlimmer, weil das "Selbstbild der Partei" genau das Gegenteil verspricht. Für die Sachsen steht die PDS vor einer epochalen Wende mit ungewissem Ausgang. "Ihren Charakter als Mitgliederpartei wird sie - ob sie will oder nicht - verlieren." Sie müsse sich zur "demokratischen Dienstleistungspartei" und "Wählerpartei" verwandeln. Das heißt aber, dass die PDS nur in Bezug auf die ostdeutschen Reflexe und die beliebige Vielfalt ihrer Angebote Volkspartei ist. Mit anderen Worten: es fehlt noch immer der richtige Begriff für die PDS.

Solche Kritiken beleuchten für André Brie mehr als nur programmatische Schwächen, die eine Programmkommission beheben könnte. Sie spiegeln den Zustand der Partei. Der jetzige Europaabgeordnete - als Wahlkampfmanager bewundert, als Vordenker erduldet und als Mahner verhasst - sieht die PDS "vor einer dramatischen, alles entscheidenden Zäsur". Brie sagt: "Es war bislang ausgesprochen komfortabel, politisch ausgegrenzt zu sein." Überlebt hat die Partei durch "ihre kommunalpolitische Akzeptanz" und ihre Verbindung mit Volkssolidarität und Gewerkschaften. Aber nach zehn Jahren ist die Frage des Überlebens erfolgreich beantwortet. Jetzt steht eine Änderung der Haltung, ja, der Mentalität an. Es geht um das "Im-Westen-Ankommen", um den "Kultursprung", den Gysi seinerzeit forderte. Aber "als bloßer Sprung funktioniert das natürlich nicht", sagt Brie. Denn: "Was wollen Sie, wir kommen eben aus dem Stalinismus, aus der etatistischen Tradition, sind befangen und haben keine zivilgesellschaftlichen Erfahrungen." Jetzt, da die Denunziation der PDS als SED-Nachfolgepartei schwächer wird, hat sie nun wirklich das Problem mit der SED-Nachfolge.