Kürzlich teilte Ulrich Wickert in den Tagesthemen seinem Volk mit, wie schade er es immer noch finde, dass seinerzeit der deutsche Produzent Arthur Brauner die Rechte an Schindlers Liste habe veräußern müssen. "Ein Tabu" habe es verhindert, dass der starke Stoff von einem Deutschen realisiert würde. Und Tabus, fand Wickert, sollten nicht sein.

Aber es gibt sie. Egal, ob sie uns gefallen oder nicht. Man kann sie nicht nach Laune abschaffen, man kann keine Gesetze gegen sie erlassen. Man kann höchstens Stimmung gegen sie machen. Wickerts Vorstoß hatte diesen Sinn; da reklamierte einer an prominenter Stelle im Fernsehprogramm das Recht der Deutschen, die Nazizeit als Stoff für große Kinounterhaltung selbst auszubeuten, anstatt diesen fantastischen Fundus an spannenden, rührenden und grausamen Geschichten dem Ausland zu überlassen. Gewiss hat es auch von deutscher Seite nicht an Versuchen gefehlt, Hitler, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust filmisch zu spiegeln und zu bannen, aber es handelte sich vorwiegend um ernste Werke, so massenwirksam sie auch konzipiert waren. Selbst das jüngste Beispiel, der Mengele-Streifen Nichts als die Wahrheit von Roland Suso Richter, gehört seiner Action-Elemente zum Trotz in diese Tradition.

Von ihr mag auch die ARD (mdr) beseelt gewesen sein, als sie mit der Verfilmung der Klemperer-Tagebücher im populären Format der Prime-Time-Serie eine "Live-Schaltung in die schlimmsten Jahre" unternahm. Man merkt der Promotion an, dass dieses Projekt vom Ehrgeiz getragen wurde, aus der Schwergängigkeit der "Bewältigungsarbeit" auszubrechen und die Erinnerung an das Grauen mit der Lust am Bilderbogen zu vereinen. Aber sind denn "die eindringlichen Tagebücher Stoff für eine Serie?", fragt vorsichtshalber Programmdirektor Günter Struwe. "Kann sich das Fernsehen erlauben, solche Eintragungen in die Welt der Bilder zu erlösen?" Seine Antwort ist Ja. Wenn sie uns schon Schindler genommen haben, die Mitbieter auf dem TV-Weltmarkt, Klemperer kriegen sie nicht, obwohl er, als jüdisches Opfer, viel schwerer reklamierbar ist als der arische Unternehmer. Aber er gehört zu den Überlebenden - und da die Zuschauer das wissen, werden sie hoffentlich, wenn sie Klemperer, Ein Leben in Deutschland gucken, das tun, was ein auf TV-Genuss gestimmtes Publikum halt tut: Beine hochlegen, Bierchen trinken, auch mal herzlich lachen über jene Groteske, die "Drittes Reich" hieß.

Werden sie? Was da "in die Welt der Bilder erlöst" wurde, die Vita des Dresdner Philologen mit dem großen Wissen und dem feinen Instinkt von und für Sprachgestalten, ist ein TV-Stoff von der sperrigen Sorte. Die Regisseure Kai Wessel und Andreas Kleinert haben im Verein mit Drehbuchautor Peter Steinbach minutiöse Arbeit geleistet und den Respekt vor der Vorlage mit Mut zur Ausschmückung glücklich verbunden. So entrollen die Bilder eine Biografie, die unter günstigen Umständen völlig unspektakulär verlaufen wäre; Victor Klemperer war ein nachdenklicher, uneitler Akademiker, den es nicht danach drängte, etwas von sich herzumachen. Dass seine Tagebücher nun im Fernsehen laufen, liegt an den ungünstigen Umständen, die mit Schikane und Terror in sein Leben einbrachen und es aus der Bahn zwangen. So wird der Antiheld Klemperer zum Protagonisten einer Degenerationsgeschichte, in der die zentralen Werte, die für ihn und seine Arbeit bindend waren, Schritt für Schritt unterhöhlt und schließlich zerstört werden: Aufrichtigkeit, Rechtssicherheit, Bürgersinn, Toleranz, Mutualität. Es ist bestürzend zu sehen, wie diese Werte in den Subkulturen der akademischen Welt und später im Ghetto des "Judenhauses" gleichsam selbstlaufend um ihr Überleben ringen, bis sie buchstäblich zertreten werden. Viel zu bestürzend, als dass der Fernsehgucker an sein Bierchen denken möchte.

Auch spielt Matthias Habich den sensiblen Professor mit der großen Liebe zur Sprache und zu seiner Frau Eva viel zu subtil, als dass nun Klemperer die Versöhnung von Holocaust und TV-Spaß einleiten könnte. Dagmar Manzel als arische Ehefrau, die der Treue zu ihrem gedemütigten Mann das bürgerliche Wohlleben opfert, brilliert unprätentiös in einer schwierigen Rolle. Die sprunghafte Lebhaftigkeit, mit der die Episoden wechseln, auch die flapsigen Folgen-Titel: Küss mich in der Kurve oder: Glaube, Liebe, Lüge überspielen mit ihrem Leichtigkeitsanspruch doch nirgends die dunklen Töne der Tragödie. Trotz der erkennbaren Absicht der Redaktion, aus dem Schlagschatten des Tabus herauszutreten und eine spannende Serie zu drehen, die freudig geglotzt wird, obwohl sie "damals" spielt, ist dieses TV-Stück auf der sicheren Seite gelandet - neben all den anderen schwierigen und ernsten Produktionen nach Art der Bertinis , die ihrer Ausstattungsüppigkeit und mancher humorigen Einlagen zum Trotz doch etwas anderes sind als Entertainment: Geschichten, die das Leben schrieb, als es in seinem humanen Kern bedroht war. Und die deshalb immer düster ausfallen und auf eine Katharsis hinauswollen, wie sehr sie sich auch in die kleinen Bizarrerien des Alltags vertiefen.

Hätte man weitergehen sollen? Den geschichtlichen Abstand ausnutzen und noch mehr auf die Pauke der Unterhaltung hauen - wie es die Amerikaner und Engländer so gut können, in deren Comics sogar SS-Monster rumtrampeln und "Schweinehund" brüllen? Oder wie es Roberto Benigni vorgemacht hat, der sein KZ in eine Posse eingebaut und die Zuschauer zwischen Lachen und Weinen hin- und hergeworfen hat? Nein, das wäre schief gegangen. Die Deutschen werden, wenn sie sich des Themas NS mit den Mitteln des Spielfilms annehmen, noch für länger nicht aus dem Drama herausfinden. Auch Klemperer ist mit diesem gnädigen Fluch beladen. Und deshalb ist das Unternehmen gut gegangen - egal, ob die Quote es nun auch noch segnet.

Ab dem 12. Oktober, jeweils dienstags und donnerstags um 20.15 Uhr, ARD