Saarbrücken

Einen Spaltbreit bleibt die Tür geöffnet zu dem Zimmer, in dem Carl Maurice, zweieinhalb Jahre alt, schläft. Mit einem Ohr lauscht er, wann der Sohn aufwacht. Der Hausherr trägt Jeans. Vor der Tür lungert ein Fernsehteam. Er ist Privatier, aber einer, der heute gerade mal wieder riesige Schlagzeilen macht.

Lafontaine hört viel Heuchelei dabei heraus. Wer hat nicht alles brieflich um Vorabdruckrechte oder Interviews nachgesucht und überschlägt sich jetzt mit Kritik. Aber selbstkritisch genug ist er schon, um zu wissen, dass er zum Besserwissen neigt. Keiner kann wie er im Brustton der Überzeugung vortragen, die Wahlniederlagen hätte es mit ihm und seiner Grundorientierung nicht gegeben. Seiner Mutter, räumt Lafontaine im Gespräch irgendwann einmal ein, habe er neulich gesagt: Von dir habe ich alle Stärken, aber auch sämtliche Schwächen. Und die zur Selbstüberheblichkeit zählt er dazu.

Die schrillsten Repliken aus den Reihen der SPD aber verraten viel Projektion: Da ist er, der Sündenbock für unsere Misere. Er sei davon nicht überrascht, sagt er. Wirklich nicht? In einem Gespräch mit Klaus Bölling und Peter Gauweiler hat Lafontaine eingeräumt, natürlich habe er sich "etwas von der Seele geschrieben". Die Folgen sieht er jetzt.

Das Schweigen nach seinem Rücktritt ist kritisiert worden, denkt Lafontaine laut, und jetzt passt es denselben Leuten nicht, dass er spricht. Wie hätte er sich denn verabschieden sollen? Es haben doch auch andere den Hut genommen. Oder sie haben Bücher geschrieben. Auch Vorgänger kritisiert. Und Geld dafür genommen. Mehr Geld als er, rechnet er vor. Übrigens auch aus dem Hause Springer. Nicht zuletzt Willy Brandt meint er damit.

Dass der Rückzug vom Parteivorsitz ungeheuer schmerzvoll war, wird das denn nicht gesehen? Unsereins als Journalist hat diesen Oskar Lafontaine, 56 Jahre alt, nun schon in vielen Lebenslagen erlebt. Ein Projekt hinter dem Projekt des Sozialdemokratischen gab es für ihn seit langem: einen Befähigungsnachweis für seine Generation zu liefern. So ist es eine politische Schlüsselszene, wie er schildert, Schröder nach der Wahl zum Kanzler spontan um den Hals gefallen zu sein. "In diesem Moment vergisst man alles Trennende." Nun habe sich manifestiert, "dass die Enkel nicht zur Fussnote der Geschichte geworden waren".

"Die Enkel können es nicht", wie Joschka Fischer im Blick auf die SPD-Riege es einmal gesagt hat? Dass sie es können, hat keiner mit solcher Verve, ja Besessenheit klarmachen wollen wie der Saarländer. Vieles, was an Lafontaine so maßlos erschien, hing damit zusammen. Die Weltwirtschafts-Architektur mitgestalten, dem angelsächsischen Kapitalismus den europäischen Sozialstaat gegenüberstellen, ein deutsch-französischer Beschäftigungspakt - es war ja alles von atemberaubendem Format, als wolle da einer alleine unbewusst das Scheitern einprogrammieren.