Man sagt ja oft, Amerikaner hätten kein historisches Bewusstsein. Aber wissen wir denn so genau, wer die Häuser in unseren Städten erbaut hat - und wann? Zur Not können wir zwischen Gotik und Barock, Belle Epoque und Bauhaus unterscheiden, und in irgendeiner Villa am Stadtrand hängt vielleicht noch das Bild ihres Urbesitzers. Der Rest dieses konkret Historischen verliert sich im Dunkel der Allgemeingeschichte.

Neulich war ich mit Laura Meyers bei einer Versammlung der West Adams Heritage Association in der Casa de Rosas, einem alten Schulgebäude an der Ecke Hoover Street/West Adams Boulevard, etwa zwei Meilen südwestlich des alten Zentrums von Los Angeles. Laura Meyers ist Architekturkolumnistin beim L.A. Magazine . Allmonatlich schreibt sie über die Hauskäufe und -verkäufe der Reichen und Schönen im Revier. Wenn Anne Heche und Ellen DeGeneres ihr gemeinsames Domizil auf den Markt bringen oder James Cameron in Malibu eine Siebzehn-Hektar-Ranch samt Bootsanleger und Hubschrauberlandeplatz erwirbt, hat Laura Stoff für ihre Kolumne.

Die Heritage Association (also der "Denkmalschutzverein") der West-Adams-Anwohner versammelt sich jeden Monat in der Casa de Rosas. An diesem Abend hielt der Stadthistoriker John Wellborn einen Diavortrag über Familienchroniken im Viertel zwischen Hoover und Figueroa um 1890. Der Vortrag begann mit dem Bild eines Bebauungsplans, der die Grundstücksgrößen in dem rechteckigen Gebiet zwischen Hoover Street, 23rd, Figueroa und West Adams Boulevard anzeigte. Anschließend ging Wellborn Punkt für Punkt die Geschichte von zwanzig der bebauten Parzellen durch. Er erzählte vom Haus eines österreichischen Immigranten, das in den Besitz eines Bankers aus Baltimore geriet, von Kaufmannsfamilien aus Chicago, die in L.A. reich wurden und sich nach Pasadena absetzten, von Söhnen, Töchtern und Enkeln, von Aus- und Umbau, von Abriss und wundersamer Rettung. Es war tatsächlich his story und her story , nicht die Geschichte von Staaten und Kriegen, sondern Alltagsgeschehen aus einer sich atemlos wandelnden Stadt. Wo die Fotografien von damals nicht ausreichten, nahm Wellborn alte Postkarten zu Hilfe. Auf ihnen sah man ein Wohnparadies mit breiten Avenuen, über die elegante Kutschen fuhren. Nicht ohne Wehmut betrachtete die Versammlung diese Bilder, denen die Gegenwart so wenig glich. Nur wenige Blocks von der Casa de Rosas entfernt liegt heute das ethnische Ghetto rings um den South Central Boulevard, der Brandherd des großen Aufstands von 1992.

Laura Meyers redigiert den Newsletter, den Rundbrief der Heritage Association. Der neuesten Ausgabe hat sie ein Faltblatt beigelegt, das alle wichtigen Baustile im West-Adams-Viertel an Beispielen erläutert: Victorian, Tudor, Mission Revival, Arts and Crafts, Colonial Revival, Italian Renaissance, Spanish Revival und diverse Mischformen. Wozu die Mühe? "Weil die Häuser, in denen wir leben, nicht nur Gebrauchsgegenstände sind", erklärt Laura, "sondern ein Teil unserer Identität." Als sie das sagt, durchqueren wir gerade eine Zone trostloser Ruinen mit klaffenden Dächern und leeren Fensterhöhlen. Dahinter rauscht der Freeway. "In den fünfziger Jahren", sagt Laura, "sind die Leute über diese Verkehrsadern aus der Stadt geflohen. Heute kehren manche von ihnen zurück, um Los Angeles wieder zu besiedeln."