DIE ZEIT: Frau Sadik, die Weltbevölkerung wächst langsamer als noch vor kurzem befürchtet. Ist das eine Trendwende, die Sie zufrieden stimmt?

NAFIS SADIK: Nein, zufrieden bin ich ganz und gar nicht. Sicher, wir haben in relativ kurzer Zeit enorme Fortschritte erzielt. Als wir vor 30 Jahren mit unserer Arbeit begannen, da gab es nur eine Hand voll Länder mit Familienplanungsprogrammen. Heute ist das fast überall der Fall. Damals wurden Verhütungsmittel kaum benutzt, heute sind sie weit verbreitet. Und die Zahl der Kinder pro Frau ist von mehr als sechs auf etwa drei zurückgegangen. Nur: All diese Durchschnittszahlen verschleiern, dass es nach wie vor große regionale Unterschiede gibt.

SADIK: In vielen Staaten Schwarzafrikas, in meiner Heimat Pakistan, auch in Zentralamerika. Statistisch betrachtet bringt dort jede Frau noch immer fünf Kinder zur Welt. Nach UN-Schätzung erreichen wir weltweit mit unserer Beratung und Hilfe rund 350 Millionen Frauen überhaupt nicht - obwohl sich viele von ihnen gegen eine ungewollte Schwangerschaft schützen wollen. Nach wie vor existiert eine riesige Kluft zwischen der gewünschten und der tatsächlichen Familiengröße: Die Menschen wollen ja weniger Kinder! Es bleibt also noch viel zu tun.

ZEIT: Das öffentliche Interesse, auch die finanzielle Hilfe für Ihre Arbeit lassen aber nach.

SADIK: Sie haben Recht, und das ist wirklich sehr enttäuschend. 1994 hatte sich die internationale Gemeinschaft bei der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo auf ein vernünftiges Programm geeinigt. Zunächst stiegen dann auch die Finanzhilfen aus dem Norden. Aber schon 1997 und 1998 stagnierten diese Mittel, und jetzt überweisen die reichen Länder sogar weniger. In den besonders bedürftigen Ländern der Welt ist das fehlende Geld mittlerweile das größte Hindernis im Kampf gegen das Bevölkerungswachstum.

ZEIT: Wie groß ist denn die Kluft zwischen den Versprechen von Kairo und der Wirklichkeit?

SADIK: Die Industrieländer wollten eigentlich 5,7 Milliarden Dollar zahlen, jährlich. Nun überweisen sie nur etwa 2 Milliarden. Das ist nur ein Drittel von dem, was sie in Kairo versprochen hatten. Wenn das Geld fehlt für eine so zentrale Herausforderung wie die Bevölkerungsfrage, dann schadet dies der gesamten Entwicklungspolitik. Das ist schon sehr bitter.