Ein Ruck ging durchs Land. Österreich ist nach rechts verrückt, und Jörg Haider, Europas populärster und schickster Rechtsaußen, hat es fast geschafft. Ein bisserl Geduld noch.

Dass er jetzt nicht gleich selbst mit der Regierungsbildung beauftragt wird, liegt an der christdemokratischen ÖVP des Außenministers Wolfgang Schüssel. Sie hat zwar Stimmen verloren, aber wie durch ein Wunder wurde Schüssel zum moralischen zweiten Gewinner dieser Wahl: Die Umfragen hatten die einstige Kanzlerpartei schon im Keller gesehen, unter 25 Prozent, doch in einer beispiellosen Einmannshow hat der Chef seine Partei auf fast 27 Prozent hochgezogen. Wenn er ein bisschen Glück hat, gleichen die Wahlkartenstimmen und die Voten der Auslandsösterreicher den vorläufigen Rückstand von 0,3 Prozent zur Haider-Partei sogar noch aus. Dann wäre Schüssel der Mann der Stunde: Er könnte der SPÖ diktieren, unter welchen Bedingungen er es mit ihr noch einmal versuchen würde. Und er könnte Haiders FPÖ, wenn er sich denn auf diesen ominösen Pakt einließe, dafür ein paar Voraussetzungen nennen, nicht zuletzt zur Europapolitik.

Was nun? Wer mit wem? Was wird anders? Inzwischen fehlt es, sollte die Republik nicht weiterwissen, gottlob nicht an Ratschlägen aus aller Welt. Sie reichen von der Warnung vor Haider als Neonazi und der israelischen Empfehlung an Österreichs Juden, schnell das Land zu verlassen, bis zur Anregung aus München, Schüssel solle mit der Haider-Partei koalieren. Alles sehr hilfreich.

So viel immerhin wäre festzuhalten: Jörg Haider ist kein Neonazi. Gewiss ist er aufgewachsen im Milieu unverbesserlicher Altnazis, er hat diesem Dunstkreis immer wieder Tribut gezollt, und wie man weiß, spricht, wenn er nicht aufpasst, dieses alte Denken manchmal aus ihm. Aber intellektuell hat er sich davon gelöst, Freunde mag er da noch haben, aber keine Partner.

Der moderne Volkstribun Haider, smart, sportlich, männlich, frech, gibt sich heute als Wahlkämpfer kaum radikaler als andere rechte Populisten. Ein Volksbegehren gegen Ausländer hat er schon vor Jahren versucht, lange ehe die Union in Deutschland Unterschriften gegen eine leichtere Einbürgerung sammelte. Und vor einer "Durchrassung" des eigenen Volkes, wie vor Jahren ein gewisser Edmund Stoiber, würde er heute kaum sprechen: Das schöne Wort "Überfremdung" genügt, das wirkt bis in die konservative Sozialdemokratie, wo man die Zuwanderung von Fremden fast so vehement ablehnt wie Reformen am Sozialstaat.

Vielleicht also ist der österreichische Rechtsruck gar kein besonderes Phänomen und Haider doch ein glattgekämmerter nationaler Dämagoge, einer mit radikaler Vergangenheit, mit fanatischem Anhang, aber doch nicht mehr "unberührbar". Wie sonst hätte Stoiber ihn der ÖVP so leichtfertig als Partner empfehlen können? Wer nach oben will, darf nicht zimperlich sein, gell! Na ja, vielleicht hört Schüssel auf den Freund und öffnet Haider die Tür.