Im 19. Stock des Axel-Springer-Verlagshauses, wo die DDR ein Staat in Anführungszeichen war, betritt Gregor Gysi unter Applaus das Podium und überlegt, warum die Leute FDP wählen sollten. Ja richtig, FDP. Der PDS-Fraktionsvorsitzende Gysi diskutiert an diesem Abend mit FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle die Frage "Sind wir noch ein Volk?", und der Moderator hatte sich einen Spaß daraus gemacht, die beiden zu einer Wahlkampfrede für die jeweils andere Partei aufzufordern.

Gysi, der große Kommunikator, lächelt amüsiert, rekelt sich und feixt: "Ich hab ja ein Herz für Schwache." Westerwelle seufzt und sagt: "Ich krieg gleich Pickel."

Die Prognosen spiegeln den bundesweiten Trend: Wären am Sonntag Bundestagswahlen, würden laut einer Infratest/Dimap-Umfrage 7 Prozent der PDS ihre Stimme geben und sie damit zur drittstärksten politischen Kraft in Deutschland machen. Im Osten liegt ihr Potenzial bei 28 Prozent.

Wo die Partei nicht an Regierungen beteiligt ist, diktiert sie die Themen. Wenn von sozialer Gerechtigkeit die Rede ist, die PDS ist schon da. Die PDS kümmert sich um den Osten. Um die Verlierer, aber genauso um die Gewinner der Wende. Die Hochburgen der PDS könnten unterschiedlicher kaum sein: Im sächsischen Hoyerswerda leben die Enttäuschten, in den Ostberliner Stadtteilen Hellersdorf und Marzahn die Hoffnungsvollen. Wer diese Orte besucht, kann studieren, woher die PDS in ganz verschiedenen Milieus ihre politische Kraft schöpft.

An einem Sonntagmorgen in einem kleinen Gotteshaus am Rand von Berlin-Hellersdorf steht Bürgermeister Uwe Klett vor einem Gemälde von Jesus Christus, der vor den Augen seiner Jünger in den Himmel fährt. Er finde es nicht überraschend, zu den Gläubigen zu sprechen, sagt der PDS-Mann am Altar, der hier eine interkulturelle Woche eröffnet. Das Motto - "Verschiedene Menschen, gleiche Würde" - fordert ihn heraus, nicht nur über den Umgang mit Ausländern zu sprechen, sondern auch über jene, die sich fremd und vernachlässigt im eigenen Land fühlen. "Wir betreiben gerade in Berlin eine unverantwortliche Politik, Menschen an den Rand zu drängen, indem man ihnen ihre Lebensgrundlage entzieht", sagt Klett. Er sagt wir, doch seine Zuhörer wissen natürlich, dass er die meint - die aus Westseilschaften geflochtene Regierung Diepgen. Da muss er keinen PDS-Anstecker am Revers tragen, um zu zeigen, für welche Partei er hier spricht. Erst 40 ist er, in Glasgow hat er studiert, über die "Transformation osteuropäischer Wirtschaftssysteme" promoviert. Und er steht Ludwig Erhard vermutlich näher als Walter Ulbricht.

Klett vollbringt das Kunststück, als Bürgermeister vor der Gemeinde zu stehen und wie ein Oppositionsführer zu ihr zu sprechen. Er dankt dem Pastor, dass er den "Fingerzeig an die Verantwortlichen, die Gesetze machen", nicht scheue. Dann setzt sich Klett wieder auf seine Bank in der fünften Reihe, inmitten seiner Zuhörer, und singt mit ihnen Lied 432 aus dem Gesangbuch: "Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn."

Hellersdorf im Nordosten Berlins ist der jüngste Bezirk der Stadt. Gegründet wurde er 1986, und er blieb, wie so vieles in den letzten Jahren der DDR, unvollendet. Als die Mauer aufging, ließen die aus allen Teilen der DDR herangezogenen Bauarbeiter die Kellen fallen. Die Plattenbauten standen wie dahingewürfelt da, Straßen und Abwasserleitungen fehlten.