DIE ZEIT: In den nächsten Tagen veröffentlichen Sie eine Untersuchung über den Leistungsstand von Hamburgs Sechstklässlern. Erst vor kurzem stellte eine andere Studie fest, dass Gesamtschullehrer in Nordrhein-Westfalen Oberstufenschüler in Mathematik weniger streng benoten als Gymnasiallehrer. Reichen Schulnoten nicht mehr aus, um die Leistung von Schülern zu beurteilen?

RAINER LEHMANN: Das Monopol der Schule, die Schüler zu beurteilen, hat zu Fehleinschätzungen geführt. Man glaubte in Deutschland, das Bildungssystem sei in bester Verfassung. Vor allem TIMSS, die internationale Studie über die Schülerleistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften, entlarvte dies vor ein paar Jahren als falsch: Deutschland landete nur im Mittelfeld. Das gleiche Bild ergab eine internationale Studie zur Lesefähigkeit. Anspruch und Wirklichkeit klaffen in deutschen Klassenzimmern also weit auseinander.

LEHMANN: Mit diesem Argument schirmen sich Lehrer gern gegen eine Überprüfung von außen ab. Vergleichstests sollen das Lehrerurteil ja nicht ersetzen, sondern gelegentlich korrigierend ergänzen. Das Erkenntnismonopol des einzelnen Lehrers muss man infrage stellen dürfen. Bei der Überprüfung der Hamburger Grundschulzensuren zum Beispiel zeigte sich, dass dieselbe Schülerleistung von dem einen Lehrer mit einer Zwei belohnt wird, während sie einem anderen gerade noch als ausreichend gilt.

ZEIT: Willkürliche Notengebung ist also nicht nur ein Problem beim Vergleich von Gesamtschulen und Gymnasien?

LEHMANN: Nein, das Problem gibt es in jeder Schulform. Klassenarbeiten zum Beispiel sind von Klasse zu Klasse unterschiedlich schwer, weil jeder Lehrer seine eigene macht, die Ergebnisse sind also nicht vergleichbar. Und sogar dieselbe Arbeit, das zeigen Untersuchungen, benotet ein Lehrer anders, je nachdem, ob er vorher eine gute oder eine schlechte Arbeit korrigiert hat.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

LEHMANN: Deutsche Lehrer erhalten so gut wie keine Ausbildung in pädagogischer Diagnostik. Zwar beurteilen Lehrer ständig Schüler, müssen Lerndefizite erkennen und Talente entdecken - an der Hochschule lernen sie das aber nicht. Im Referendariat erhalten sie dann von ihrem Mentor ein paar Tipps. Das war's. Es gibt nicht einmal eine Verständigung von Kollege zu Kollege darüber, was ein Schüler in einem bestimmten Fach in einer Jahrgangsstufe leisten muss.