Kann der Kapitalismus weiterleben?" Mit dieser Frage beginnt Joseph Alois Schumpeter (1883 bis 1950) das zweite Kapitel von Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Seine Antwort im Jahre 1942 ist eindeutig: "Nein, meines Erachtens nicht." Ausgerechnet der Ökonom, der als Vordenker des kapitalistischen Unternehmertums gilt, kommt knapp 100 Jahre nach der Veröffentlichung von Das Kapital zum gleichen Ergebnis wie Karl Marx - jedoch mit einer gegensätzlichen Begründung. Anders als Marx, nach dessen Vorhersage der Kapitalismus an seinen Mängeln zugrunde gehen würde, argumentiert Schumpeter: Die "Maschine Kapitalismus" funktioniere nicht schlecht; gerade der Erfolg bringe es mit sich, dass der Kapitalismus seine eigene soziale Struktur zerstört, die ihn schützt und stützt.

Den Ökonomen Schumpeter einzuordnen fällt schwer. Er propagiert die Bedeutung des Unternehmers, glaubt aber zugleich an den Sieg des Sozialismus und daran, dass Monopole dem freien Markt überlegen sind. Obwohl er sich selbst zeit seines Lebens als Konservativen sieht, widmet er Marx das gesamte erste Kapitel seines Buches und preist ihn als "sehr gelehrten Mann". Völlig unhaltbar ist jedoch nach Schumpeters Ansicht Marx' These, Arbeiter würden durch den kapitalistischen Prozess verelenden. Schließlich könne die Gesellschaftsform der Zukunft nicht aus einer verarmten und in ihrer Entwicklung zurückgeworfenen Volkswirtschaft erstehen.

Der Kapitalismus befinde sich in einer ständigen Entwicklung, die "die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert". Schumpeters Formulierung der "schöpferischen Zerstörung", durch die alte Strukturen zugrunde gingen und neue geschaffen würden, wurde zum geflügelten Wort. "Der fundamentale Antrieb, der die kapitalistische Maschine in Bewegung setzt, kommt von den neuen Konsumgütern, den neuen Produktions- und Transportmethoden, den neuen Märkten ... welche die kapitalistische Unternehmung schafft."

Was sind dann die Faktoren, die eine solche Dynamik zum Erliegen bringen können? Für falsch hielt er Marx' Begründung, dass die Investitionschancen sich zunehmend verschlechtern. Fallende Geburtenraten, eine weitestgehende Befriedigung aller Bedürfnisse, technische Vollkommenheit und ein Ende dessen, was wir heute Globalisierung nennen, all diese Faktoren könnten nach Schumpeters Meinung zwar theoretisch das Wachstum bremsen. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg.

Das Fehlen einer anderen entscheidenden Antriebskraft sei hingegen schon deutlich zu erkennen: Innovation ist zur Routineaufgabe geworden. Der technische Fortschritt liege nun in den Händen institutionalisierter professioneller Innovateure. Damit entfalle für den Unternehmer der wichtigste Anreiz, seine Fähigkeiten einzusetzen. "Er verliert den Willen, ökonomisch, physisch, politisch für seine Fabrik und die Kontrolle über sie zu kämpfen und wenn nötig, auf ihrer Schwelle zu sterben."

Individuelle Aktion und Willenskraft weichen einem Wasserkopf bürokratischer Strukturen. Anstelle von einzelnen Kleinunternehmern leiten "bezahlte Vollzugsorgane" - Manager - die Großkonzerne. Ein Szenario, das heute, rund 60 Jahre später, weitgehend Wirklichkeit geworden ist. Die Vertragsfreiheit, eine weitere Stütze des kapitalistischen Systems, sieht Schumpeter schwinden: Der individuelle Vertragsabschluss werde ersetzt durch Formularverträge zwischen Riesenkonzernen und einer unpersönlichen Arbeiterschaft - eine Beschreibung, die heute von Kritikern der von Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Flächentarifverträge stammen könnte.

Den Übergang in den Sozialismus vergleicht Schumpeter mit einem Zug, der nur noch im Schritttempo dahinschleicht. Daraus entsteht "ein institutionelles System ... in dem die Kontrolle über die Produktionsmittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht". Was produziert werden soll und auf welche Weise, sei ableitbar aus Daten und Regeln des rationalen Verhaltens. Ein sozialistisches Wirtschaftssystem mit Preisen, Gehältern und Märkten sei ohne weiteres konstruierbar, meint Schumpeter. Man müsse nur alle Variablen unter den Bedingungen einer sozialistischen Wirtschaft in ein Gleichungssystem packen, mit dessen Hilfe das Zentralamt dann die Produktion bestimmen könne. Der Vorteil: Risikoabwägungen erübrigten sich, Arbeitslosigkeit ließe sich vermeiden, Verteilungskämpfe und Kräftevergeudung entfielen.