Wer derzeit Menschen unterhalten will, braucht diabolische Figuren: den großen Bagarozy, Mengele oder zumindest Lafontaine. Nach Schwefel muss es riechen, blitzen, donnern, und sardonisches Lachen muss erschallen! Es sind die gleichen Grundsätze, die bereits seit vielen Jahren erfolgreich beim professionellen Wrestling angewendet werden. Dort geht das so: Einer der Darsteller kommt mit einem bandagierten Knie in den Ring. Sein finstres Gegenüber mokiert sich darüber, der Ringrichter ermahnt ihn mehrmals mit tiefer Stimme, ja nicht auf die verletzte Stelle einzuschlagen, und der Kommentator mahnt schaudernd: "Er wird doch nicht, er wird doch nicht" - bis der Böse endlich, unter dem lustvollen Klagen des Publikums, mit beiden Beinen auf das Knie des Guten springt.

Diesen bewährten Prinzipien des Showgeschäfts folgte auch Christoph Schlingensief, als er zum Tag der Deutschen Einheit Horst Mahler und Meir Mendelssohn, den berüchtigten "Bubis-Grabschänder", auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses lud, bekanntermaßen jenes Haus, in dem Gründgens als Mephisto Theatergeschichte schrieb. Diabolischer ging's gar nicht mehr. Pflichtschuldig und skandalgemäß hatte sich auch die Polizei eingefunden, stand vor dem Haus und auch im Saal herum, müde und etwas verloren in Windjacken und mit Knopf im Ohr. Und auf der Bühne Mahler und Mendelssohn - was für ein Traumpaar. Da war doch alles vereint, was böse und gruselig ist: die RAF, der Holocaust, übelste deutschnationale Parolen. Alles, was Schlingensief seit Beginn seiner Laufbahn fasziniert. Aber wie es eben so ist im Showbiz: Die offensichtlichsten Pläne und die sichersten Rezepte müssen floppen. Was Schlingensief erregte, ließ das Publikum kalt. Es war langweilig. Bald war der Saal leer. Der ewige "Theaterprovokateur" steckt in der selbst gebastelten Kultfalle. Wie Werner und Käpt'n Blaubär muss er sich über immer neue Medien verbreiten. Als Nächstes erwarten wir das Schlingensief-Wochenblatt. Es müsste ehrlicherweise so aufgemacht sein wie früher die Lassie-Comics. Vorne ein reißerisches, buntes Titelbild mit einer hochdramatischen Action-Szene - Christoph mit Himmlers Tochter und Dieter Kunzelmann in Bayreuth - und im Heft nur blasse Bilderstreifen und spannungsfreie Geschichten: Schlingensief gründet eine Partei, kauft sich Knobelbecher und sucht nach Deutschland. Aber Deutschland ist grad anderswo.