Die blaue Pille war in Deutschland noch nicht auf dem Markt, da hatte der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen schon beschlossen, Viagra sei keinesfalls über die gesetzliche Krankenversicherung GKV abzurechnen. Schlagartig war die Hochrechnung entschärft, die Kassen müssten den etwa 7,5 Millionen Impotenten in Deutschland zweimal wöchentlich zum Geschlechtsakt verhelfen - für 20 Milliarden Mark im Jahr.

Medizinrechtler hatten gewarnt, der radikale Beschluss "Keine müde Mark für den solidarisch finanzierten Orgasmus" sei nicht gerichtsfest. Richtig: In der vergangenen Woche urteilte das Bundessozialgericht, die Behandlung von Potenzstörungen könne durchaus zum Leistungskata- log der GKV gehören. Ein 58-Jähriger, wegen mangelnder Durchblutung erektionsgestört, hatte 767 Mark für Prostavasin-Ampullen eingeklagt, deren Inhalt er sich jeweils selbst in den Penis injiziert hatte, um verkehrsfähig zu werden. Das Gericht gab ihm Recht und monierte, der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (BÄK) sei nicht ermächtigt, eine behandelbare Krankheit generell von GKV-Leistungen auszuschließen.

Erst kürzlich hatte der BÄK Klagen provoziert, weil er den Kassen untersagte, eine Methode zur Behandlung männlicher Unfruchtbarkeit weiter zu bezahlen, nämlich die direkte Spermieninjektion in ein entnommenes Ei (ZEIT Nr. 38/99). Darf ein nicht demokratisch legitimiertes Organ eine so weitreichende Entscheidung treffen?

Es wäre jedoch falsch, nur den Ausschuss zu kritisieren, weil er den politisch verordneten Geldmangel gerechter verteilen will. Das gedeckelte Budget treibt alle in die Enge. Haben sich Ärzte und Kassen zusammengerauft, prozessieren die Patienten - und die Politiker gucken zu.

Dabei sind sie es, die endlich Klarheit schaffen müssen: entweder mehr Geld in das System pumpen - etwa durch höhere Selbstbeteiligungen, wo immer sie zumutbar sind - oder den gesetzlichen Versicherungsschutz strikt auf Notwendiges beschränken, also rationieren. Schnelle Sparbeschlüsse, die nicht gerichtsfest sind, dokumentieren nur politische Impotenz.