Wenn Ergun Çetinbas aus dem Hintereingang seines kleinen Restaurants nach draußen blickt, sieht er das neue Berlin. Acht Stockwerke hoch ragt da der wuchtige Wohnkomplex, den seine Bauherren Spree-Bellevue nennen. Seit Jahren schon betreibt Balikçi-Ergun (Fisch-Ergun) sein Lokal unter einem der vielen Mauerbögen der Berliner Stadtbahn. Eine wunderliche Mischung aus Fischgeschäft und Restaurant, Clubheim eines Vereins für türkische klassische Musik und Fanzentrale des Istanbuler Fußballclubs Fenerbahçe ist das Wirtshaus unter den Gleisen. Wimpel und Atatürk-Porträts hängen an den Wänden, und weil Fenerbahçe in Blau und Gelb antritt, sind selbst die Rohre der Toiletten in diesen Farben getüncht.

Alles ist irgendwie improvisiert bei Balikçi-Ergun, doch der ist zufrieden. Demnächst soll er unter einen frisch renovierten Mauerbogen ein paar Meter weiter ziehen. Nach den Plänen der Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn soll dort alles anders werden, hell und makellos. Doch Herr Çetinbas will sein altes Mobiliar mitnehmen. Vom Investieren und Expandieren in großem Stil hält er wenig. "Ich bin 55", sagt er, "ich lebe doch jetzt."

"Berliner Ökonomie" hat der Publizist Helmut Höge dieses Phänomen einmal genannt, bei dem es um "Geschäfte (im allerweitesten Sinn) ohne abschätzbaren Gewinn und ohne Risiko" geht. Das Spree-Bellevue ist das Gegenteil der Berliner Ökonomie. Funktionieren tut es trotzdem nicht. "Wie ein Gefängnis" sähen die Gebäude mit den schmalen Fensterschlitzen aus, findet nicht nur Herr Çetinbas. Seit 1997 hat er beobachten können, wie sie aus dem Waldboden auf dem Moabiter Werder gestampft wurden. Vor allem Bundestagsabgeordnete sollten in die 718 Wohnungen einziehen, so hatten es sich die Bauherren gedacht. Vom "ServiceWohnen in neuer Dimension" (inklusive Fuß- und Haustierpflege) schwärmten sie in ihren Broschüren. Doch die Umgarnten blieben kühl, der Belegungsgrad bislang niedrig. Erst an zwei von 24 Klingelknöpfen am Hauseingang 39 sind bereits Namensschilder angeklebt.

Düster und abweisend sehen die Häuser aus, wenn es Abend wird. Schnurgerade führt eine lange Doppelreihe von Lichtmasten auf die kahle Mauer zu, die das Gelände des künftigen Kanzleramtes begrenzt. Grenzübergangsstellen der DDR sahen so ähnlich aus, bei Helmstedt oder in Dreilinden. Ein paar Mittelklassewagen aus BN, K und M stehen am Straßenrand. Und wie für einen schlechten Film arrangiert wehen tatsächlich Zeitungsfetzen über das öde Gelände, während sich Erguns Gäste gegenüber vergnügt bei Musik und Raki wärmen.

Fisch-Ergun und Spree-Bellevue: Das kennzeichnet das unvermittelte Nebeneinander ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Welten im Bezirk Tiergarten. Hier findet die Berliner Republik wirklich statt. Der Bundeskanzler wird von hier aus das Land regieren, Bundespräsident und Bundestag sind bereits da. Der glitzernde Konsumpalast am Potsdamer Platz liegt in Tiergarten, auch die Philharmonie und die Staatsbibliothek. Und auf der Straße des 17. Juni zuckt einmal im Jahr die Jugend des Landes entfesselt zu Techno-Geräuschen. Zusammen mit dem ehemals Ostberliner Bezirk Mitte ist Tiergarten - jedenfalls geografisch - das Zentrum der Berliner Republik.

Doch wer von der Berliner Republik redet, schweigt üblicherweise von Berlin selbst. Regelmäßig ist die Stadt nur die leere Projektionsfläche für allerlei Vorstellungen von der Zukunft des Landes insgesamt. Ihre Gesellschaft und Milieus, ihre Kieze und Bewohner kommen in diesen Erwägungen nicht vor. In Wirklichkeit hängt beides eng zusammen: Vieles von dem, was in dieser Gesellschaft überhaupt irgendwo der Fall ist, lässt sich in Berlin intensiver und unmittelbarer wahrnehmen als anderswo. Darin liegt eine Chance. Sie zu ergreifen wäre eine Möglichkeit, dem bislang eher beliebigen Begriff der Berliner Republik einen handfesten Inhalt zu geben. Ohne Neugier auf die schiere Vielfalt der Berliner Lebenswelten, ihre Brüche, Kontraste und Verwerfungen jedenfalls, wird von der neuen alten Hauptstadt aus kein anderer, gewiss kein besserer Staat zu machen sein als aus Bonn. Hinsehen wollen - das immerhin wäre eine öffentliche Tugend, die viel zur legitimatorischen Begründung der Berliner Republik beitragen könnte.

Ziemlich schnell würde sich dann beispielsweise zeigen, warum es vielleicht nicht nur die eigenwillige Architektur sein könnte, die dem mondäneren Publikum das Spree-Bellevue so schwer vermittelbar macht. Von "Boutiquen" in der nahen Turmstraße, der Magistrale von Moabit, ist im Prospekt der Bauherren die Rede. Aber das ist mutig formuliert. Denn um die Turmstraße, zwei U-Bahn-Stationen weit weg vom Bahnhof Zoo, ist es nicht gut bestellt. Ramschgeschäfte, Sonnenstudios und Filialen von Billigketten bestimmen hier die Szenerie. "Schnäppchen-Center" heißen die Läden oder "99 Pfennig Welt". Gegen die doppelte Belastung steigender Gewerbemieten und sinkender Kaufkraft kämpfen die Einzelhändler einen aussichtslosen Kampf. "Wir sind hier die Schmuddelkinder", sagt Optikermeister Wolfgang Golücke, der in der Turmstraße das letzte selbstständige Brillengeschäft der Gegend führt. "Uns Moabiter hat man völlig allein gelassen mit unseren Sorgen."