Das Klagelied ist fast so alt wie die Europäische Gemeinschaft: Die Deutschen kommen bei der Besetzung von einflussreichen Positionen in der Brüsseler Kommission zu kurz. Seit Walter Hallstein haben sie keinen Präsidenten mehr gestellt, die deutsche Sprache steht gegen Französisch und neuerdings vor allem gegen Englisch auf verlorenem Posten, und überhaupt dürfen die Deutschen zahlen und die andern das Geld ausgeben.

Die CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhrl sieht alle Klagen dieser Art durch die jüngste Neustrukturierung der EU-Kommission bestätigt und weiß auch, wer schuld daran ist: die Bundesregierung.

Wöhrl: "Wieder einmal zeigt sich, dass die rot-grüne Bundesregierung weder willens noch in der Lage ist, deutsche Interessen in Europa kraftvoll wahrzunehmen. Die Bundesregierung verschläft bei der Besetzung Brüsseler Spitzenpositionen ihre Chancen zur Einflussnahme." Und die streitbare CSU-Frau weiter: "Wir sind im Vergleich zu Franzosen und Briten die Verlierer."

Gemach, gemach. Ob der deutsche Einfluss in Brüssel künftig geringer sein wird, darüber ereifern sich zurzeit noch die Euro-Kaffeesatzleser. Zunächst einmal hat Bundeskanzler Gerhard Schröder gegen Widerstand zu Hause und Einwände in Brüssel seine beiden Kandidaten für die Kommission durchgeboxt. Dann wurden die Ressorts von Michaele Schreyer (Haushalt) und Günter Verheugen (Osterweiterung) so geschnitten, dass sie ihren Inhabern ein beachtliches Gewicht im Kreis der 20 Kommissare verleihen. Für Wöhrl zählt das wenig: "Bei den Kommissaren hat die Regierung auf den Tisch gehauen. Alles andere interessiert sie nicht."

Auch das ist wohl nicht ganz so eindeutig. Denn wenn auch die Zahl der deutschen Generaldirektoren auf drei reduziert wurde, dann machten die Deutschen in den Beraterkabinetten der nichtdeutschen Kommissare Punkte. Da arbeitet jetzt ein gutes Dutzend von ihnen - natürlich nicht im Auftrag der Bundesregierung, aber doch zumindest mit einem Seitenblick auf deutsche Interessen. Die Briten hingegen konnten nur acht Landsleute, die Franzosen lediglich sieben bei Kommissaren anderer Nationalität platzieren. Selbst EU-Präsident Romano Prodi beschäftigt eine deutsche Beraterin. Und auch das bedeutet Einfluss: Der neuerdings fürs Personal zuständige Generaldirektor Horst Reichenbach ist ein bestens bewährter deutscher EU-Beamter.

Die Krux bei den deutschen Eurokraten liegt anderswo: Sicher würde so mancher tüchtige deutsche Beamte sein Büro in Bonn oder Berlin gerne für ein paar Jahre mit einem in Brüssel eintauschen, wenn er nicht wüsste, dass seine Karriere zu Hause damit aufs Höchste gefährdet ist. Wer einmal nach Brüssel entschwindet, ist in seinem Ministerium abgemeldet und auch schon bald vergessen. Und wer als Beamter der Kommission darauf spekuliert, eines Tages seine Europa-Erfahrung in einem deutschen Fachministerium anzuwenden, der wird lange auf einen angemessenen Posten warten. Das gilt allzu oft sogar für Beamte, die für begrenzte Zeit in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik (also die deutsche EU-Botschaft) entsandt werden.

Die Klage über verpasste Chancen ist also begründet, doch sie kommt reichlich spät. CDU/ CSU und FDP waren 16 Jahre lang an der Regierung und taten nichts, um diesen Missstand zu beseitigen. Im Gegenteil, in Brüssel galten stets Briten und Franzosen als die geschickteren Personalpolitiker. "Es ist Aufgabe der Regierung, geeignete Persönlichkeiten anzusprechen, für Brüsseler Aufgaben zu gewinnen, sie vorzuschlagen und ihre Ernennung durchzusetzen", fordert Dagmar Wöhrl und plädiert sogar für eine "Bevorratungspolitik", um im rechten Moment den rechten Kandidaten oder die rechte Kandidatin präsentieren zu können. Warum nicht? Nur: Warum haben sich ihre Parteifreunde des Problems nicht angenommen? Zeit genug hätten sie wahrlich dafür gehabt.