Als die Nato vor einigen Monaten ihre ersten Luftangriffe gegen die Bundesrepublik Jugoslawien startete, tauchten in vielen deutschen Zeitungen verwirrend buntscheckige Karten des Balkans auf. Und dem Westen fiel es leicht, sich demgegenüber als Pol der Ordnung zu inszenieren. Der britische Premier Tony Blair etwa betonte während der Intervention im Kosovo, es handele sich "um eine Schlacht zwischen Zivilisation und Barbarei".

Der Frage, wie es im Westen zu dieser Sichtweise des Balkans kam, ist eine gebürtige Bulgarin nachgegangen, die in den USA Geschichte lehrt. Auf Deutsch trägt Maria Todorovas Buch den Titel Die Erfindung des Balkans. Tatsächlich handelt es sich beim Balkan um eine westliche Erfindung: An der Schwelle zum 19. Jahrhundert begannen zum ersten Mal Reisende aus dem Westen jene Bergkette, die das heutige Bulgarien teilt, nicht mehr mit dem antiken Namen Haemus zu bezeichnen, sondern als Balkan. Doch "Balkan" war von Beginn an nicht bloß eine naive Bezeichnung, sondern wurde mit sozialen und kulturellen Bedeutungen angereichert. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich allerdings noch keine einheitliche Vorstellung. Als sich erste Risse im Osmanischen Reich zeigten, waren die Wahrnehmungen weitgehend von der nationalen Herkunft bestimmt - oft im Einklang mit den strategischen Interessen der jeweiligen Nation.

Nichtsdestotrotz konnten sich die Beobachter oft bereits darauf einigen, dass der Balkan im Status des "Halbbarbarischen" dahindämmere. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfestigte sich sein Image als Zentrum des Terrorismus - insbesondere durch die Affäre der Miss Stone, einer Amerikanerin, die 1901 in Mazedonien entführt wurde. Doch als Erbsünde der Balkanvölker sollten sich schließlich die Schüsse des Gavrilo Princip in Sarajevo erweisen, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Ambivalenzen waren nun wie weggewischt. Immer wieder war es insbesondere die ethnische Komplexität, welche bei den westlichen Besuchern Frustration auslöste. Mehr und mehr wurden schließlich sämtliche Exzesse des Nationalismus der östlichen Kultur in die Schuhe geschoben.

In Anlehnung an Edward Saids Begriff "Orientalismus" bezeichnet Maria Todorova den Komplex von Klischeevorstellungen über den Balkan als "Balkanismus". Doch die Autorin hat aus der Kritik an Saids einflussreichem Werk gelernt, und daher bleibt ihre Studie nicht nur auf die westliche Seite fixiert. Sie kann zeigen, dass die balkanistischen Vorurteile in den Balkanstaaten selbst weitgehend verinnerlicht wurden. Zudem geht Todorova auch der unangenehmen Frage nach, was den Balkan "hinter dem Text" ausmacht. Sie sieht die Gemeinsamkeit der Balkanstaaten in einer Mischung aus osmanischem Erbe und westlichem Einfluss. Während die jahrhundertelange Pax Ottomana gefördert hatte, dass sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegenseitig durchdringen, bemühten sich die Balkanstaaten bald nach der Unabhängigkeit darum, das in Mitteleuropa geborene Ideal des ethnisch homogenisierten Nationalstaates zu verwirklichen. Das Ergebnis bestand aus zahllosen Kämpfen und massiven Bevölkerungsverschiebungen, und die westlichen Großmächte hatten immer ihre Finger im Spiel.

Dass sich die Balkanstaaten erfolglos mühten, dem mitteleuropäischen Modell nachzueifern, ermöglichte im Westen eine Vorstellung vom Balkan als "unvollkommenem Eigenen", auf das sich insbesondere die eigenen Fehler wohlfeil projizieren ließen. Todorova beklagt, dass trotz aller Lippenbekenntnisse über Multikulturalität noch heute "der Status des Übergangs, der Komplexität, der Mischung und der Mehrdeutigkeit (als) anormaler Zustand" gilt.

Todorovas Buch bietet nicht nur einen unschätzbaren Fundus an Informationen, um die verfahrene Situation auf dem Balkan zu verstehen, sondern es kann auch dabei helfen, die Überheblichkeit des "zivilisierten" Standpunktes zu relativieren und Ambivalenzen besser zu ertragen. Im Hinblick auf die Zukunft ist eine Auseinandersetzung mit dem Balkanismus dringend geboten: Schließlich ist der Westen mittlerweile nicht nur dauerhaft in Bosnien präsent, sondern auch auf unabsehbare Zeit im Kosovo.

Maria Todorova:

Die Erfindung des Balkans

Aus dem Englischen von Uli Twelker

Primus Verlag, Darmstadt 1999

360 S., 68,- DM