Sadien/Lagos Zu viele Menschen? "Schauen Sie sich um bei uns. Die Hütten sind leer, die Felder liegen brach." Es ist still in Sadien, auf den staubigen Straßen zwei Buben, die selbst gebastelte Drahtmobile vor sich her schieben, ein paar alte Leute, Hühner, streunende Ziegen. "Wir sind viel zu wenige", klagt der Dorfvorsteher. "Unsere jungen Männer zieht es in die großen Städte, um als Wanderarbeiter Geld zu verdienen."

Sadien liegt in Mali, am Rande des Sahel-Gürtels. Die Jugend flieht das heiße, dürreLand. Und so fehlen Arbeitskräfte, um die Äcker zu bestellen und die dünne Krume vor der Erosion zu schützen. Die Region könnte mehr Menschen ernähren aber sie ist unterbesiedelt.

Tausend Kilometer weiter südlich ein ganz anderes Bild. Die letzten Bauminseln sind umzingelt von gefräßigen Siedlungen, Plantagen, Ackerparzellen. Dann die Metropolen an der Küste Westafrikas, Lagos, Accra, Abidjan, Dakar, wuchernd wie Geschwüre, geplagt von Elend, Krankheit und Gewalt, längst unregierbar. Hierher strömen die jungen Menschen, die im Norden fehlen. Sie suchen Arbeit. Sie finden oft nur Armut.

Der amerikanische Essayist Robert Kaplan beschreibt die übervölkerten Küstenregionen Westafrikas als Schlachtfeld, auf dem sich die demografische Katastrophe der Dritten Welt gemäß den Lehren des Pastors Thomas Malthus vollziehe: Die Bevölkerung wächst zu schnell, die Nahrungsmittelproduktion zu langsam. Geben die Zahlen den Pessimisten nicht Recht?

Vor 50 Jahren lebten 223 Millionen Menschen in Afrika, 1996 sollen es bereits 738 Millionen gewesen sein. Und wenn die moderaten Hochrechnungen der Vereinten Nationen stimmen, dann werden es im Jahr 2050 zwei Milliarden sein. Fest steht: Nirgends wächst die Bevölkerung schneller als in Afrika, und noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden höhere Wachstumsraten verzeichnet.

Doch ein Mann wie Father Matthew Kukah, Generalsekretär der Katholischen Kirche in Nigeria, bleibt dabei: "Keine Geburtenkontrolle, nur natürliche Verhütungsmittel. Wer sagt uns denn, dass wir zu viele sind? In unserem Land könnte die doppelte Zahl von Menschen leben."

Niemand weiß genau, wie viele Nigerianer es tatsächlich gibt. Laut Zensus von 1991 waren es 88,5 Millionen die Nationale Bevölkerungskommission war vier Jahre vorher von 112,3 Millionen ausgegangen. Die Gouverneure der Provinzen hatten die Zahlen nach oben manipuliert, um höhere Zuwendungen aus dem Bundesetat zu erhalten. Was für Nigeria gilt, trifft auf die Mehrzahl der Staaten Afrikas zu: Es gibt keine präzisen Volkszählungen. Wenn sie durchgeführt werden, dann nach dem Prinzip Pi mal Daumen.