Wie porträtiert man Jazzmusiker? Am besten mit der Klaue eines Tomi Ungerer oder eines Francis Bacon. Man kann sie aber auch in eine Oper schleppen. Dort steht der ganze Illusionshokuspokus zur Verfügung mit Licht, Regie, Elektronik und Inspizienten. Der Staat leckt die Opern-Finanzwunden. Auch in Leipzig, dieser Musik-Traditionsmetropole mit Bach, Mendelssohn, Schumann, Gewandhaus, Thomaschor und - seit 23 Jahren - dem Jazzfestival.

Der Leipziger Opernintendant Udo Zimmermann preist in diesem Jahr "eine neue Facette innerhalb der vielfältigen Möglichkeiten des musizierenden Theaters". Was das sein soll? Vielleicht Capetown Traveller! Eine mehrschichtig collagierte Revue, gebacken aus dem Wohl und Wehe des südafrikanischen Pianisten und Komponisten Abdullah Ibrahim, vormals Dollar Brand.

Konzept und Regie stammen von dem Dokumentardruiden und exzellenten Jazzpublizisten Bert Noglik. Schon mit den Projekten Survival Songs und Jazz Japan hatte der vibrierende Sachse bewiesen, dass Jazz kein einsamer Totentanz ist, sondern an die Seite moderner Künste gehört. Dafür stand dem kleingewachsenen, aber groß denkenden Noglik das Duo Frank Schulte und Alexander Stempell zur Verfügung. Beide sind spezialisiert auf das Herstellen von Klang- und Videoereignissen. Nichts ist ihnen heilig. Sie sampeln und fummeln in der Elektronik, dass es nur noch kracht und winselt. Aufregende Bilder und Klänge entstehen in diesen haarsträubenden Versuchen. Und darauf ist Noglik scharf.

Doch alles bliebe kalt wie eine Hundeschnauze, wären da nicht die Musiker. Sie bilden den heißen Kern des Unternehmens. Da ist die Gruppe Ekaya (drei Saxofone, eine Posaune, Bass und Schlagzeug) und das Vokal-Quartett Timbre, aus dem Lauren Newton wie ein Abendstern strahlt mit ihrer Mischung aus Cathy Berberian und Virginia Woolf. Vor allem ist da aber höchstpersönlich Abdullah Ibrahim mit seinen Lebensirrfahrten. Er ist der moderne Odysseus.

Bert Noglik will in der Leipziger Oper weder seine Vita nacherzählen noch ein Lehrstück abhandeln. Es geht ihm um ein "Assoziationsgeflecht, das unterschiedliche Aspekte des Lebens von Ibrahim, vor allem aber die Kraft und die Poesie seiner Musik aufleuchten lässt". Einst schrieb der schwarze US-Poet LeRoi Jones: "Zu den ausgeprägtesten Zügen des westlichen Weißen gehört von jeher seine fanatische, sozusagen von Instinkten bestimmte Überzeugung, dass sein Weltbild unendlich begehrenswert ist, und mehr noch, dass die, die von ihm nicht gerade angetan sind oder es nicht gleich so bewunderungswürdig finden, entweder Wilde sind oder aber Feinde." Die schwarzen Jazzmusiker, die mit der Schmähung "Wilde" zu leben gelernt haben, beschworen Mutter Afrika in ihrer Arbeit herauf. Auf die Anrufungen seiner verlorenen Söhne und Töchter hat Afrika eher zurückhaltend reagiert.

Zwar ließ sich Liberia von Duke Ellington die Nationalhymne komponieren, und Mali, Niger, Obervolta, Kongo, Senegal und Tschad haben amerikanische Musiker mit Briefmarkenserien gefeiert, sonst aber ist der Jazz den afrikanischen Massen mehr oder weniger gleichgültig geblieben wie den nordfriesischen Landwirten.

Mit Abdullah Ibrahim kam die Wende. Seine Musik, in der sich auf eigentümliche Weise Thelonious Monk, der Kirchenchoral und die afrikanische Folklore mischen, ist für die Schwarzen von Südafrika Symbol ihres Widerstands gegen die Weißen. Eine seiner ersten Schallplatten heißt Mannenberg, genannt nach den Slums von Capetown, in denen lange vor Soweto Aufruhr herrschte, der dann in Blut erstickt wurde. Und was geschah mit dieser Story auf der Bühne der Oper von Leipzig vor voll besetztem Haus? Das Große scheitert oft am Geringen. Nogliks famose Idee nahm Schaden am "Zu wenig Proben"-Syndrom.