Was ich bekommen wollte, war Rückgrat, und dafür schien mir der Theaterbetrieb nicht der richtige Ort." Das hat die Schauspielerin Crescentia Dünßer einst gesagt, als man sie fragte, warum sie freies Theater mache. Sie hätte mit Peymann nach Wien gehen können, 1986. Stattdessen gingen sie und Otto Kukla, Kollege und Lebensgefährte, außen herum, trainierten ihr Rückgrat und wagten sich über Zelt (Zeltensemble Bierach) und Zimmer (Zimmertheater Tübingen) allmählich zurück in größere Spielräume (Staatstheater Stuttgart, Salzburger Festspiele).

Dünßer und Kukla erwarben sich so den Ruf, dass sie am liebsten alles selbst und gemeinsam machen - Spielen, Regieführen, Bühnenbauen, Theaterleiten - und dass sie dabei sämtliche Erzähltechniken erforschen (Video ist immer dabei). Diese Kombination hat man gesucht in Zürich. Das Paar übernimmt die Geschäfte von Volker Hesse und Stephan Müller, die in den vergangenen sechs Jahren das Theater am Neumarkt mit eigensinnigen Projekten zu einer ersten Adresse gemacht haben - nicht nur für die Scouts des Berliner Theatertreffens (In Sekten, Top Dogs, Wahlverwandtschaften). Das kleine Theater war eine Institution der Off-Bahnhofstraßen-Elite, man stieg hinauf in den zweiten Stock, wich Kellnern aus, die zwischen Küche und Gastraum eines Restaurants hin und her eilten, und traf oben eine krawattenlose Zürcher Intelligenz, die auch Bilder suchte und Spielformen, um dem Unbehagen (nicht nur über Zürich) beizukommen.

Ehe im Herbst 2000 der wunderbare, immer sinkende Musikdampfer der Reederei Marthaler & Viebrock mit seinem Linoleumsonnendeck im Zürich anlegen und mit seiner enormen Besatzung das Schauspielhaus in köstlichen Schlaf singen wird, haben Dünßer und Kukla Zeit, mit acht Schauspielern die Zürcher zu verführen. Wie aber verführt man eine so selbstgewisse, gegen Schmeichelei resistente Stadt? Indem man sich erst mal klein macht. "Das Beste, was wir haben, ist Mitleid", sagt Schopenhauer, und dieses Beste wollen die Spieler schlau von den Zürchern.

Wir sind jung, wir können uns eure teure Stadt eigentlich nicht leisten, die meisten von uns kommen aus dem nördlichen Nachbarland, in dem immer Krieg war: Solche Dinge teilen sie mit bei ihrem ersten Auftritt.

Ihr Ensembleprojekt fußt auf 20 Fragen, die Dünßer und Kukla in den vergangenen neun Monaten an die Schauspieler geschickt haben. Fragen wie "Erinnern Sie sich an eine Begebenheit des 30. 11. 1998?" oder "Was ist Ihr momentaner Lebenstraum?" oder "Wie möchten Sie gerne beerdigt werden?". Walk About besteht aus dem Antworten auf diese Fragen. Die Spieler tun, was man halt macht, wenn man sich von einer neuen Beziehung viel erhofft: Sie erzählen, wer sie sind und was sie vorher getrieben haben. Im Spiel kosten sie die Stunde aus, da Zürich nichts von ihnen wusste.

Der Abend wird von einer ständig kreisenden Drehbühne bestimmt, hinter der wir den ungekürzten Sonnenaufgang überm Zürichsee auf Video sehen. Derweil erfahren wir intime Geheimnisse: Die Spieler knirschen nachts mit den Zähnen, haben einen zu kleinen Mund, mögen Putenschnitzel, kennen jemanden, der im Krieg oft vergewaltigt wurde, stellen sich das Alter eher übel vor, möchten noch lange nicht sterben. Wir erleben Dramolette im Kontaktanzeigendeutsch, Ameisenstraßentheater. Zu Ehren von James Joyce, der ja am Ende auch Zürcher war, inszenieren Dünßer und Kukla eine Art Drehbühnen-Bloomsday, ein Theater der exemplarischen Bagatellen. Akteure zappen und surfen durch ihre Biografien. Acht Personen suchen einen Anfang. Die Große Gegenwart, das CNN-Gefühl, soll sich einstellen, nur dass nicht zwischen Krisenherden hin und her geschaltet wird, sondern zwischen Schauspielern, die eigenes Leben covern: Jeder ein Sonderkorrespondent seiner selbst.

Man lernt: Schauspieler an kleinen Theatern sind jung, haben junge Ängste (vor Vermehrung, Sesshaftigkeit) und junge Sehnsüchte (nach Auto, Wohnung, Liebe). Sie sind frühe Melancholiker, die noch viel Leben sammeln wollen, ehe es ans große Verlieren geht.