Gelegentlich kokettiert Bundesaußenminister Joschka Fischer mit der Behauptung, er sei in Wahrheit ein Sozialdemokrat. Das wird regelmäßig missverstanden, setzt wilde Gerüchte über Parteiwechsel in Gang und stimuliert die Berliner Gerüchteküche.

Was gemeint ist, hat Fischer in seinem jüngsten Buch selber aufgeschrieben. Es geht um die Zukunft der Sozialsysteme - für Fischer ist ein Staat, der fast jeden mit Leistungen und Transfers bedenkt, Garant für die Stabilität der Demokratie. Fischer will ein System, das sich durch Umverteilung Akzeptanz bei breiten Mittelschichten sichert. "Ursozialdemokratisch" sei das Buch, monierte der Publizist Thomas Schmid. Das hat dem populärsten Politiker Deutschlands irgendwie gefallen.

In den kommenden Wochen könnte sich diese Linie jedoch als verhängnisvoll erweisen. Schließlich haben sich die Wirtschafts- und Sozialexperten der Grünen vorgenommen, ihrer Partei wieder mehr Profil zu verschaffen. Das Kalkül ist simpel: In der vergangenen Legislaturperiode waren es vor allem Fachpolitiker wie der Haushälter Oswald Metzger, die Rentenexpertin und heutige Gesundheitsministerin Andrea Fischer und die Wirtschaftspolitikerin Margareta Wolf, die ihrer Partei auch jenseits der klassischen Klientel Renommee verschafften - und so will die Minifraktion jetzt wieder Sympathien sammeln.

Das aus der Ökologieszene stammende Prinzip der Nachhaltigkeit, so das grüne Credo, gelte auch für die Wirtschaftspolitik. Um künftige Generationen nicht über Gebühr zu belasten, müsse nicht nur die Umwelt geschont, sondern auch die Staatsverschuldung verringert werden. Die Sozialexperten kritisieren schon lange den traditionellen Kurs der SPD: Die wolle zu viele Probleme durch Wirtschaftswachstum lösen. Das sei für eine Ökopartei nicht akzeptabel - und daraus ergebe sich der Zwang zur Sparpolitik.

Nun sollen Woche für Woche neue Ideen kommen. Den Anfang machte Wirtschaftsexpertin Margareta Wolf mit einem Deregulierungspapier, in der kommenden Woche will Sozialexpertin Thea Dückert mit einem Arbeitsmarktkonzept nachziehen. Fraktionschef Rezzo Schlauch wettert gegen die SPD-Pläne für eine Vermögensabgabe, für den Haushälter Matthias Berninger ist das Sparpaket, das Finanzminister Hans Eichel gegen große Teile der SPD-Fraktion durchsetzen muss, gar "unser Neues Testament".

Der Zeitpunkt ist günstig: Nach all dem Gerangel um Doppelspitzen, Quoten und Posten ist es Zeit für eine inhaltliche Debatte. Und eigentlich haben die Grünen hervorragende Chancen, sich als Partei des sozialen Wandels zu profilieren, die Job-Hopper und Teilzeitkräfte, berufstätige Mütter und Langzeitarbeitslose anspricht. Noch sind die großen Sozialsysteme zugeschnitten auf einen anderen Prototyp: Den männlichen Facharbeiter mit Vollzeitjob auf Lebenszeit. Keine andere Partei hat ihre Programme so stark ausgerichtet auf jene, die keine große Lobby haben: Kinder und künftige Generationen, Arme und Langzeitarbeitslose. Wer könnte das Modell glaubwürdiger vertreten als der Extaxifahrer, Exbuchhändler und Ex-Opel-Arbeiter Joschka Fischer?

Dieser Ansatz könnte sogar die sonst so zerstrittenen Flügel der Partei einen - das zeigte sich zuletzt beim Streit um 630-Mark-Jobs. Damals stöhnte selbst der Fraktionslinke Christian Ströbele über die Neuregelung für die Minijobs. Begründung: Halb Kreuzberg lebe davon, "und zwar auf der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite".