Ob Busfahrer, Stewardessen, Museumswärter, Archäologen oder die Aufzugführer des Eiffelturms, in Frankreichs öffentlichem Dienst wird eigentlich immer irgendwo gestreikt. Ganz vorn im Rennen liegen die Eisenbahner. Jeder zweite Streiktag geht statistisch auf ihr Konto. Die meisten Franzosen begegnen der ungebrochenen Lust am Arbeitskampf mit Milde. Die Lautsprecherdurchsage "Wegen einer Sozialbewegung ist der Verkehr erheblich gestört" nehmen sie wie die Zahlen auf ihrem Gehaltszettel ungerührt zur Kenntnis. Der Mythos Eisenbahn lebt. Noch immer gilt der Staatsbetrieb als Unternehmen Zukunft. Oder verkauft sich der Hochgeschwindigkeitszug TGV in der ganzen Welt etwa nicht wie abends das Baguette beim Bäcker?

Wenn die Bahn am 31. Dezember um Punkt 23.55 Uhr für 20 Minuten alle Räder stillstehen lässt, dann nicht, weil die streiklustigen Schaffner in Ruhe anstoßen wollen, sondern aus psychologischen Gründen. In der kleinen Pause werden die Anlagen der Zugsicherheit getestet. Ein Schelm, wer glaubt, die Bahn bewältige das Jahr-2000-Problem nicht. Auf dass der Mythos lebe.