Der dunkelhäutige Taxifahrer, der uns in seinem yellow cab quer durch Manhattan kutschiert, singt mit halblauter Oberstimme vor sich hin. Eine stets in sich zurückkehrende Melodie treibt die Stimme voran, in dynamischen, zielstrebigen, rhythmisch phrasierten Spannungsbögen. Doch der Mann singt eigentlich nicht, er singt mit: Wort für Wort, Ton für Ton, Atem für Atem, Pause für Pause kommt das Lied von einer Kassette, und die Stimme des Fahrers gibt dem Rezitativ aus dem Recorder eigene Farbe, als singe der Gesang ihn. Ob er wohl den Titel des Stücks, den Namen des Sängers sagen möchte? Der Mann schüttelt den Kopf. Er lächelt: Das ist keine Musik, das ist der Koran.

Folgt man der muslimischen Tradition, so haben schon Abertausende von Nichtmuslimen die ästhetische Anziehung des Korans gespürt. Als zwanzig abessinische Christen nach Mekka kamen, um Mohammeds neue Lehre zu begutachten und von ihm "den Koran hörten, flossen ihre Tränen über, und sie nahmen Gottes Ruf an", heißt es in Ibn Hisams sira, einer frühen Sammlung von Prophetenviten. Und als muslimische Auswanderer im christlichen Abessinien die 19. Sure Maria bei Hofe vortrugen, da brachen sogar der Negus und all seine Bischöfe in Tränen aus, "bis dass sein Bart und die Schriftrollen der Bischöfe nass waren". Zumeist hat die Begegnung mit der Schönheit des Korans zur Folge, dass sich der Hörer sofort zum Islam bekehrt. "Ich bezeuge, dass nichts Geschaffenes in der Lage ist, eine solche Rede hervorzubringen." Nur Gottes Rede ist von solch unermesslicher Schönheit.

Der Siegeszug des Islam, den die Christenheit stets nur als Krieger- und Gesetzesreligion fanatischer Janitscharen, Herzbollahs und anderer Selbstmordkommandos wahrnehmen wollte, erwächst in den muslimischen Überlieferungen aus kommunikativem Handeln allein. Doch nicht aus der disputatio zwischen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen, sondern aus poetischem Genuss und Sängerwettstreit. Gewiss, Allah hätte den Menschen befehlen können, an Seine Botschaft zu glauben. Aber er tat es nicht, wie der syrische Dichter Nizar Qabbani weiß: "Gott wählte den schöneren Weg, das edlere Mittel. Er wählte die Poesie."

Dem westlichen Bewusstsein und auch einem Teil der Orientalistik (!) galt und gilt die Lehre vom idschaz, der "einzigartigen Schönheit" des Korans, bestenfalls als Kuriosum. Araberstolz. Wenn nicht gar islamischer Fundamentalismus. Jetzt hat der aus Persien stammende junge Islamwissenschaftler und Journalist Navid Kermani dieser ästhetischen Dimension des Korans eine brillante Monografie gewidmet. Seine Studie trägt mehr zum Verstehen des Islam bei als zwanzig wohlmeinende interreligiöse Podiumsdebatten. Vor allem tilgt Kermanis Buch die Fremdheit des "ästhetischen Gottesbeweises" nicht, die uns seine Untersuchung bewundern lässt.

Warum hat sich das Christentum der ästhetischen Dimension der Gotteserfahrung (fast) durchweg verschlossen? Kermani erinnert an die unter anderem im Protestantismus weiterlebende Tradition des sermo humilis, der demütigen und also auch ästhetisch "armen" Redeweise des Christenmenschen, die sich vom heiligen Augustinus über Luther und Calvin bis hin zu Kierkegaards grimmigen Invektiven wider jede Ästhetisierung der Religion verfolgen lässt.

Wenn nämlich Gott sich erniedrigt hat, indem er Fleisch geworden ist und unter uns Sündern wohnte, dann darf auch die Nachfolge Christi den dornigen Weg der Armut nicht scheuen. Genuss, Ekstase, Überwältigung durch Gottes Schönheit und die Wunder Seiner Schöpfung durften da das Zentrum des christlichen Glaubens wenigstens öffentlich nicht beflecken. Ganz anders im Islam: Hier hat Gottes Rede durch den Koran Text und Partitur, Klang und Rhythmus erhalten. Nicht das Abendmahl der Gemeinde, nicht Gottes stellvertretendes Sühneopfer, sondern die Rezitation des erhabenen Wortes vergegenwärtigt Gottes Anwesenheit.

Wenn Kierkegaard (so Adorno) zur Wahrheit "nicht derart verführen wollte, dass man Jazz im Gottesdienst spielte", so war die Rezitation des Korans schon Jazz, bevor es Jazz gab. Gläubige und Sänger memorieren, rezipieren, interpretieren den Koran in Kantilenen, als zugleich definitive Botschaft und offene Partitur "sangweise", in zugleich gebundenen und doch improvisierten Formen. Schon Gabriel forderte den Propheten zur Improvisation heraus.