Gewiss, Herr Sloterdijk, es wäre eine Überforderung des Philosophengehirns gewesen, die immensen Diskussionen von Naturwissenschaftlern, Ärzten, Ethikern, Politikern der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts zum Thema künstliche Befruchtung im Glase (In-vitro-Fertilisation), Gentechnologie und Gentherapie beim Menschen zur Kenntnis zu nehmen, wie sie im seriösen J.-Schweitzer-Verlag München und Frankfurt in mehr als 16 Büchern niedergelegt sind (Gentechnologie, Chancen und Risiken). Als Mitglied (und psychosomatischer Fachmann) der 1984-1985 arbeitenden so genannten Benda-Kommission (Arbeitsgruppe des Bundesministers für Forschung und Technologie und des Bundesministers der Justiz In-vitro-Fertilisation, Genomanalyse und Gentherapie) weiß ich, wie mühsam die Vorbereitung des Embryonenschutzgesetzes in Deutschland gewesen ist - danach sind gentechnologische Eingriffe in die Keimbahn beim Menschen eindeutig verboten. Sie verstoßen gegen die Menschenwürde. Aber vielleicht, Herr Sloterdijk, ist Ihnen an dieser Stelle der Spürsinn für den Begriff Menschenwürde abhanden gekommen.

Prof. Dr. med. Peter Petersen Hannover

Sloterdijks Vergleich mit Heidegger scheint zunächst plausibel, wenn nur nicht Heidegger selbst noch in einem seiner letzten öffentlichen Vorträge zur Gentechnik Stellung genommen hätte: "Die Biochemie hat in den Genen der Keimzelle den Lebensplan entdeckt. (...) Man spricht vom Archiv für genetische Information. Auf seine Kenntnis gründet man die sichere Aussicht, eines Tages die wissenschaftlichtechnische Herstellbarkeit und Züchtung des Menschen in den Griff zu bekommen." (Die Herkunft der Kunst und die Bestimmung des Denkens, 1967

erschienen in: Distanz und Nähe. Reflexionen und Analysen zur Kunst der Gegenwart, 1983.)

Wie schätzt nun Heidegger hier die Chancen und Risiken ein? Sah er darin ähnlich wie Sloterdijk die Lösung und Überwindung des Humanismusproblems? Das Gegenteil trifft zu! Indem der Mensch in der Lage sein wird, sich selbst herstellen zu können, schließt er sich selbst in den Herrschaftsbezirk der wissenschaftlich-technischen Welt ein. Damit aber verschließt er sich "gegenüber dem, was den Menschen erst in die ihm eigentümliche Bestimmung schickt, damit er sich in das Schickliche (d. h. ihm An- und Zugemessene) füge". Wenn es demnach einen Grund gibt, heute über den Humanismus kritisch nachzudenken, so ist es "die unbedingte Eigensucht der menschlichen Subjektivität (...) über sich selbst und seine technische Selbstherstellung rechnend verfügen" zu wollen. Dies ist jetzt durch die Gentechnik möglich geworden, wie Martin Heidegger bereits vor über 30 Jahren ganz klar voraussah.

Dr. Hans-Joachim Friedrich Würselen

Nachdem bereits Rinder und Schafe geklont werden und systematisch in die Erbanlagen von Lebewesen eingegriffen wird, nachdem die Erfüllung eines Kinderwunsches als Überwindung einer Krankheit klassifiziert und von Krankenkassen finanziert wird, spricht Sloterdijk damit zwar ein Tabu infernal an, aber dennoch imponiert seine direkte Art, die er schon mit seinem Buch Kritik der zynischen Vernunft unter Beweis gestellt hat. Dass dieser Vorfall für den zeitgenössischen Primus der Philosophen, Habermas, Anlass gab, Kritik und Abrechnung zu üben, ist naheliegend.