Vielleicht ist es nur eine Art Rache, tief aus dem Unbewussten heraus. Denn wie schwer gerade die Anfänge sind, weiß der Kritiker selbst nur zu gut: Er hat das Trauma des leeren Papiers tausendmal am eigenen Leib erfahren. Also sorgt er in innigster Empathie dafür, dass auch den Theatermenschen die Anfänge nicht zu leicht werden.

Kommt hinzu, Metier ist Metier, die Lust an der fröhlichen Scharfrichterei. Rasches, meinungsfrohes, fallweise auch begründungsfreies Urteilen hat in der Historie der Theaterkritik seine Tradition - und die tödliche Pointe ihren eigenen Unterhaltungswert. Nennen wir keine Namen, erinnern wir in diesem Zusammenhang nur an den legendären Kritiker, der sich, kaum war der Vorhang zur Premiere hochgegangen, mit einem zischelnden "Schon falsch!" aus dem Parkett verabschiedet haben soll. So viel Scharfblick haben nun mal nur Kritiker - und damit muss gerechnet werden.

Erfahrene Intendanten rechnen damit. Sie kennen die beträchtlichen Vernichtungsenergien der Rezensenten einerseits, das schwankende Interesse des Publikums andrerseits. Und wissen also: Aller Theater-Anfang ist schwer. Das "commencement vom commencement", das der Jahrmarktschreier im Woyzeck ankündigt, verlangt Strategien. Nur welche? Wie gewinnt man Klientel? Wie verführt man Zuschauer und Feuilleton? Es sind die Fragen, vor denen sie jetzt alle stehen - alle, die in der noch taufrischen Saison an ihrem Haus einen Neubeginn zu verantworten haben. Ganz gleich, ob am größten und prächtigsten Schauspieltempel Mitteleuropas - wie der neue Burgtheaterchef Klaus Bachler in Wien

oder an einer Winzigbühne - wie Crescentia Dünßer und Otto Kukla, die nun den Zürcher Neumarkt, das erfolgreichste Nudelbrett des deutschsprachigen Theaters, übernommen haben (siehe nächste Seite). Claus Peymann am Schiffbauerdamm in Berlin ebenso wie Sasha Waltz und Thomas Ostermeier an der Schaubühne (dort stecken sie noch mitten im Umbau und in den Proben). Und, um nicht immer nur auf die erste Garnitur zu starren (denn nicht in den Metropolen, sondern in der Diaspora wird sich die Überlebensfähigkeit unseres Stadttheatersystems erweisen): Barbara Mundel in Luzern, Mark Zurmühle in Göttingen, Christoph Nix in Kassel ... Es ist eine Saison der Neuanfänge, der Intendantenwechsel und des Ensembleaustauschs - an deren Ende wir vielleicht alle ein bisschen mehr wissen werden über die Zukunftsfähigkeit einer Institution, die von ihren Verächtern längst schon für mausetot erklärt worden ist.

Anfänge! Aufbrüche! Eigentlich kann es nichts Schöneres geben am Theater. Noch nirgends Trott, alles Erwartung, alles im Fluss. Neue Familien haben sich zusammengetan, man hat sich über die Maßen lieb, glaubt alles, wovon man sich in langen Nächten gegenseitig vorschwärmt. Noch einmal das Theater neu erfinden! Und weit, weit weg ist jenes Alltagskrisengefühl, das grau und zäh sonst durch die Kantinen kriecht. Es handelt sich um den seltenen Fall einer öffentlich subventionierten Rückkehr ins Paradies - zumindest für eine Saison.

Doch Euphorie ist noch kein Programm - und eine Garantie, dass sich die gute Laune in den eigenen vier Wänden spontan auf den Rest der Welt überträgt, gibt es nicht. Da können sich herbe Temperaturunterschiede auftun. Es hat Anfänge gegeben, von denen sich ein Haus nie mehr erholt hat. Der spektakuläre Bochumer Neustart Leander Haußmanns im Jahr 1995 war so einer: Noch immer hallte das enttäuschte Medienecho auf den großen "Theater mit Herz"-Auftakt, auf die neunstündige Platonow-Ouvertüre nach, als der Jungintendant schließlich, Jahre später, resigniert aufgab. Nichts schwerer, als gegen ein einmal festgeschriebenes Urteil anzuspielen. Den Begriff "Zur Wiedervorlage" kennt das schnelle Feuilleton nicht. Und fürs kontinuierliche, geduldige, genaue Beobachten der Theaterszene reichen in den meisten Redaktionen die Ressourcen nicht, weder der Platz noch der Reiseetat.

Also gilt: Wer nicht sofort reüssiert, reüssiert nimmermehr? Im Zeitalter von Event-Theater und Event-Journalismus hat auch das langsamste Medium der Welt gegen den Sekundenzeiger zu kämpfen. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Theaterkritik das Theater, der Verriss das Ereignis überholt. Im Fall von Thomas Ostermeier war es schon einmal so weit. Als der designierte Leiter der Berliner Schaubühne, der führende Kopf des neuen Viererdirektoriums, vergangenen Januar sich am Deutschen Theater erstmals an einem "großen Format", an Maeterlincks Märchenspiel Der blaue Vogel, versuchte (mit sehenswertem Ergebnis), da haben viele die Aufführung mit dem eigentlichen Schaubühnen-Start Anfang 2000 verwechseln wollen - sie straften Ostermeier schon mal prophylaktisch für seine tollkühne Karriere ab.