Was hat Nummer A2a, was Nummer 2 nicht hat? Wie verhält sich AX1 zu AX? Und überhaupt: Warum gibt es die 5, das so genannte Hochzeitslied, gleich dreimal, nämlich als a, b und c? Was auf dem Papier anmuten mag wie editorisches Schattenboxen, entpuppt sich beim Hören als sehr verdienstvolle Arbeit: Stephen Hinton und Edward Harsh von der Stanford University erstellen eine neue, kritische Ausgabe von der Dreigroschenoper, Brechts/Weills legendärem Wunderwurf in Sachen episches Musiktheater - gerade noch rechtzeitig übrigens zum doppelten Weill-Jahr 2000 (100. Geburtstag und 50. Todestag).

Eine Kärrnerarbeit: Nicht nur, dass sie die Partitur, den Klavierauszug, das Bühnenmanuskript der Berliner Uraufführung von 1928 sowie die vorhandenen Orchesterstimmen und deren vielfältige Bearbeitungen sinnfällig in Einklang zu bringen hatten

auch und vor allem mussten sie die theatrale Wirklichkeit dieses "Stücks mit Musik" im Auge behalten. Die Dreigroschenoper darf nicht zum Modell ihrer selbst erstarren, will sie sein und bleiben, was sie war: ein Keil zwischen allen Genres, lustvolle Provokation, Parodie, die Neugeburt der Oper aus dem Geiste trotzigen Aufbegehrens - und also zweifellos die "konsequenteste Reaktion auf Wagner". Mit allem Doppelbödigen und Ungefähren freilich tun wir uns in unserem Glauben an die Allmacht des (Noten-)Textes heute mindestens so schwer wie mit dem Grellen, Frechen, Fratzenhaften. Das Balancieren auf dem Tellerrand der Seriosität ist eine Frage des Lebensgefühls und lässt sich weder stilistisch noch handwerklich imitieren. Nicht einmal so vielseitige Musiker wie der österreichische Dirigent HK Gruber und das Frankfurter Ensemble Modern springen da gern über ihren akademischen Schatten. Gewiss, die eine oder andere Weillsche Instrumentierung läßt in dieser Neuaufnahme (RCA 74321 66133 2) wieder stärker aufhorchen, und auch die Transparenz des Schrägen, mutwillig Verzerrten und Maskierten lässt wenig zu wünschen übrig. Allein der Funke der Authentizität - kritische Ausgabe hin oder her - will partout nicht zünden. Wäre da nicht der wundersam knorrige Peachum, den HK Gruber neben seinem Dirigat singt, wären da nicht Nina Hagens unflätig keifende, kreischende Mrs. Peachum, Sona MacDonalds saubere Polly, Winnie Böwes görenhafte Lucy und Max Raabes Macheath, der sich von der Bühne der Comedian Harmonists mitten ins tiefste Soho verirrt zu haben scheint - gäbe es also nicht diese Sängerbesetzung, die so disparat ist und so fraglich wie das ganze Stück, ja, wie die ganze Oper in unserer Welt, es wäre wohl bei A2a und AX1 geblieben.