Ohne Frage, 1998/99 war Georg Herweghs Jahr. In keiner Ausstellung zum Jubiläum der 48er Revolution durfte er fehlen, es gab Vorträge und Lesungen mit und ohne Musik, man feierte ihn gar als "Popstar unter den Freiheitskämpfern". Die vielfältige Huldigung galt dem Vormärzdichter, Verfasser der Gedichte eines Lebendigen, deren leidenschaftlicher Ruf nach Freiheit und Einheit in den Jahren 1841/1842 für Sensation gesorgt hatte. Und dem Mann der Tat: 1848 war Herwegh zusammen mit seiner Frau Emma von Paris aus an der Spitze der so genannten Deutschen demokratischen Legion in Baden einmarschiert, um den Republikanern Hecker, Struve und Sigel bei ihrem Freiheitskampf Waffenhilfe zu leisten. Doch noch ehe eine Vereinigung der Freischaren zustande kam, machten reguläre Truppen im April 1848 dem ganzen Unternehmen ein Ende. Herwegh und seine Frau konnten sich mit Müh und Not in die Schweiz retten. Seine Gegner machten daraus eine "feige Flucht", eine Geschichte, die seinen Ruf nachhaltig ruinierte.

Doch schon vor 1848 und auch danach gab sein Tun und Treiben Anlass zu vielen kühnen Elogen - und noch mehr hämischen Glossen. Während langer Jahre im französischen und Schweizer Exil wurde er Teil der großen Intellektuellen- und das heißt Emigranteninternationale des 19. Jahrhunderts, trat in Verbindung zu Heine, Marx, Lassalle, Liszt, Wagner, Bakunin und Herzen. Mit einem Wort: eine etwas schillernde Gestalt mit einer stellenweise romanhaften, nicht immer rühmlichen Lebensgeschichte.

Nun ist gerade noch rechtzeitig zum Jubiläumsfinale eine neue Biografie erschienen, stolze 394 Seiten von Ulrich Enzensberger, in der Anderen Bibliothek seines Bruders Hans Magnus. Der Klappentext preist sie mit einem Fanfarenstoß an: "Die DDR-Germanistik hat Herweghs Heldenleben blankgeputzt. Diese neue Biografie stellt es zum ersten Mal in seiner ganzen Ambivalenz aufgrund zahlreicher, teilweise neu erschlossener Quellen dar." Wirklich?

Schon der höhnische Titel, Herwegh. Ein Heldenleben, zeigt, wo's lang geht. Enzensberger hat weniger eine Biografie als ein Pamphlet verfasst, eine Abrechnung - sowohl mit der Person des Dichters als mit aller politischen Lyrik überhaupt, die ihm in Zeiten, da "die Freiheit" (Enzensberger) sich überall in Europa durchgesetzt habe, ohnehin obsolet geworden scheint.

Doch über Herwegh Hohn und Spott auszugießen ist leicht. Ihm gerecht zu werden ein anderes. Und so ist Enzensbergers Herwegh teils Politkasperle, teils Dandy und, vor allem, über zig Seiten Hauptfigur in dem mit Gusto ausgemalten Liebes- und Hassmelodram, das sich unmittelbar nach der 48er Revolution zwischen den Ehepaaren Herwegh und Herzen abgespielt und aller vier Leben verdüstert hat. Nur: Über die eigentliche Leistung Herweghs vernehmen wir wenig. In seinen Gedichten hat er wie kein anderer das Verlangen vieler Deutscher nach Freiheit und Volkssouveränität mitreißend formuliert. Dies alles erscheint seinem Biografen, in merkwürdig ahistorischer Perspektive, völlig ohne Belang. Und auch in Herweghs Sonetten, von denen kein einziges zitiert wird, entdeckt Enzensberger bloß "ausgezuzelte Reime", "plattgedrückte Worthülsen" und "hält sich die Nase zu". Dabei sind gerade hier Herweghs vielleicht beste Gedichte zu finden, etwa das Sonett auf Hölderlin.

Ebenso bleiben andere Leistungen Herweghs kurios unterbelichtet: In seinen frühen Literaturkritiken - im Übrigen aufschlussreiche Dokumente zum literarischen Leben und den Positionskämpfen im Vormärz - fand er zu erstaunlich treffsicheren Urteilen. Er setzte sich für Büchner, Platen, Hölderlin und Shelley ein, als dies noch längst nicht selbstverständlich war. Lakonischer Kommentar Enzensbergers: Über die literaturkritischen Arbeiten des jungen Herwegh habe die Forschung "viel gefabelt" - wie er überhaupt gern "der Forschung" eins auswischt.

Für Enzensberger ist Herwegh nur ein Hysteriker