Katarina Feria würde gern ihre Stromrechnung bezahlen. Die Frage ist nur, wem. Seit die 30jährige Londonerin im März ihre neue Wohnung bezogen hat, erhält sie gleich von drei Firmen Korrespondenz. Eastern Electricity hatte Katarina in ihrer alten Wohnung beliefert und will den Vertrag fortsetzen. Ein Unternehmen namens Scottish Power schickt ihr jede Woche unaufgefordert Vertragsentwürfe zu. Und die alten Stadtwerke London Electricity drohen der "lieben" Kundin mit dem Gerichtsvollzieher. Dabei hat Katarina bisher gar keinen Vertrag unterschrieben und auch noch keine Rechnung erhalten. "Ich möchte jetzt gern wissen, wer eigentlich meinen Strom liefert", sagt sie.

Willkommen am liberalisierten britischen Energiemarkt. Aller Anfang ist schwer, und Katarina ist eine echte Pionierin: Die Haushalte in England und Wales sind nämlich seit dem 24. Mai die ersten in Europa, die zugleich ihre Strom- und Gaslieferanten frei wählen können. Mancher Haushaltsvorstand muss sich zwischen 27 Gas- und 15 Stromfirmen entscheiden und kann in seinem Hausflur alle Zeichen eines entfesselten Wettbewerbs beobachten. Drückerkolonnen des örtlichen E-Werks klingeln und wollen Gas verkaufen, die Gaswerke ködern mit billigem Strom, manche Anbieter legen noch Telefondienste, Internet, Wasser, Rabattmärkchen und Bonus-Flugmeilen drauf.

Die Kunden finden die Auswahl eher verwirrend als bereichernd

Wer die richtige Wahl trifft, kann bei der Stromrechnung bis zu 15 Prozent sparen, also jährlich etwa 100 Mark bei einer Durchschnittsrechnung. Allerdings ist vielen Briten der Aufwand dafür noch zu groß. Von den 26 Millionen Haushalten haben bisher erst knapp drei Millionen den Lieferanten gewechselt. "Viele Privatkunden finden die Auswahl eher verwirrend als bereichernd", sagt Catherine Waddams, Regulierungsexpertin an der Warwick Business School.

Die Öffnung der europäischen Strommärkte ist eine Ökonomen-Idee - in Europa zum Beispiel von Regulierungsexperten wie Stephen Littlechild oder John Vickers vorgedacht. Vor wenigen Jahrzehnten wurde Stromversorgung noch felsenfest zu den "natürlichen Monopolen" gezählt, bei denen Wettbewerb nicht funktioniert. Kraftwerke brauchten eine kritische Größe, und niemand wollte ein zweites Leitungsnetz quer durchs Land gespannt sehen. Inzwischen aber haben die Techniker allerlei kleine, rentable Kraftwerke ausgetüftelt (etwa die fix zu bauenden Gasturbinenkraftwerke), und die Ökonomen haben ihre Argumente verfeinert. Sie halten Leitungsnetze für Strom, Wasser oder Gas zwar weiterhin für "natürliche Monopole" - doch alles, was durch die Leitungen fließt, gilt neuerdings als wettbewerbsfähig. Man muss die Dinge nur säuberlich trennen.

In Europa ist diese Trennung bisher am besten auf der Seite der Stromerzeugung gelungen. Mancherorts herrscht schon ein reger Wettbewerb unter den Kraftwerken. Vorn dabei waren die Briten: Im Rahmen ihres radikalen Privatisierungsprogramms knöpften sich die regierenden Thatcheristen zu Beginn der neunziger Jahre den Stromsektor vor. Die großen Kraftwerke einschließlich Atommeiler wurden säuberlich auf zwei Großkonzerne verteilt und dann verkauft. Das nationale Hochspannungsnetz ging an das private Unternehmen National Grid, bekam aber als Monopol eine behördliche Aufsicht übergestülpt. Seitdem haben die Marktkräfte die Struktur der Stromversorgung auf den Kopf gestellt. Früher wurde der Strom mehrheitlich aus Kohle hergestellt, seit der Privatisierung sind Gasturbinenkraftwerke aus dem Boden geschossen, die sich schneller errichten und dank billigem Nordseegas günstiger betreiben lassen.

In Skandinavien waren es die Norweger, die von 1991 an den Markt aufrollten. Die Turbinen ihrer Wasserkraftwerke liefern der Region heute konkurrenzlos billigen Strom. Schweden und Finnland liberalisierten ab 1995 ihre Strommärkte und schlossen sich der Osloer Strombörse Nord Pool an, seit dem 1. Juli ist Westdänemark dabei. Zu den regionalen Spezialitäten gehört, dass der Strom im Sommer billiger ist - im Winter liegt das Wasser nämlich gefroren auf den Bergen, und die Turbinen müssen langsamer laufen. Doch im Schnitt haben sich die Preise mancherorts sogar halbiert.