Von den geistigen Grundlagen der Republik ist im Augenblick viel die Rede: Die einen sehen sie, das ist gute Tradition bei der altbundesrepublikanischen Linken, ständig von rechts bedroht. Andere veralbern diese Sorge als Alarmismus. Aber gibt es außer der alten Links-rechts-gut-böse-Einteilung wirklich gar nichts Neues? Oder bietet die Berliner Republik, einfach indem sie ein paar frische Symbole, ein paar unverbrauchte Perspektiven bereithält, doch die Chance für einen Neuanfang?

Es kann nicht ganz ohne Folgen bleiben, dass auf einmal eine zentrale großstädtische Projektionsfläche zur Verfügung steht, auf die junge Leute ihre Hoffnungen und Wünsche, ihre Träume und Aufbruchsfantasien richten können: die es tun, hat man versuchsweise "Generation Berlin" genannt.

Ebenso muss es einen Unterschied zu früher bedeuten, dass sich die politische Klasse nun nicht mehr in Bonn mit seinem aseptischen Nur-Regierungsviertel, seinen Schnellstraßen und Kulissenmuseen bewegt, sondern in einer Stadt, in der das politische Leben in gesellschaftliche Wirklichkeit eingebettet ist. In Berlin besteht das Machtzentrum eben nicht allein aus politischen Zweckbauten

jeder Beamte, jeder Politiker, der nicht geradezu im Reichstag wohnt, wird auf dem Weg zu seiner Behausung ganz normales Leben beobachten. Daraus muss sich keine Begegnung, kein Gespräch ergeben - aber es könnte doch.

Genau um diese Frage - ob man nämlich Berlin als schöne Möglichkeit begreifen sollte oder nicht - geht die Auseinandersetzung. Diejenigen, die mit der Hauptstadt eine eigene biografische Perspektive verbinden, sind voller Neugier. Endlich erleben sie einmal eine offene Situation, in der nicht alles schon vorgegeben, sowieso besser gewusst ist. Die anderen hingegen, oft ältere Jahrgänge in dunklen Existentialistenpullovern, halten von dem ganzen Aufbruchsgerede gar nichts. Denn erstens werde sich, sagen sie, ohnehin nichts ändern. Die Berliner Republik sei nur die Fortsetzung der Bonner Republik mit mehr Staus und Baustellen. Zweitens allerdings werde sich alles, falls es sich doch ändere, zum Schlechteren ändern - ein "neuer Wilhelminismus" ist noch das Harmloseste, was sie befürchten. Und drittens sei Berlin als Stadt doch in Wahrheit fürchterlich provinziell.

Deshalb verachten diese Leute alles, was sich unter dem Logo "Generation Berlin" zu sammeln beginnt. Man ahnt es schon: Der Streit um die Berliner Republik und um die Generation Berlin ist selbst ein Generationenkonflikt, jener nämlich zwischen 68ern und Nachgeborenen. Weil die Kontroverse nicht neu ist, könnte sie das Publikum langweilen

weil sie aber noch nicht entschieden ist, muss sie trotzdem ausgetragen werden.